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Sweiundzwanzigstes Buch.
niedergelegt haben, wenn mir nicht allzuviel daran gelegen
wäre, mit meiner Seele oder mir selbst etwas näher bekannt
zu werden.“
Indem man aber so der Neugier psychologischer Selbst⸗
beobachtung verfiel, stellte sich, wenigstens bei hervorragenden
Menschen, leicht jenes Nebeneinander von Reflexion und Ge—
müt, jene menschliche Zwieheit gleichsam ein, der „der Dialog
des Ichs mit dem Ich eine angenehme Unterhaltung“ und die
„Selbstverdoppelung ein heiteres Spiel“ ist. In dieser frohen
Entdeckerlaune drang man nun in das Innere der Seele
ein — in Tiefen, die bis dahin unentschleiert, in Kammern,
die verschlossen geblieben waren —: und mit immer größerem
Eifer, schließlich mit fieberhafter Leidenschaft grub und wühlte
man fort. Das ist die Erscheinung, die Kant an Hamann
schildert: „die Krankheiten seiner Leidenschaften geben ihm eine
Stärke, zu denken und zu empfinden, wie sie ein Gesunder
nicht besitzt.“
Und was entdeckte man? Wir werden über den Befund
später noch genauer zu berichten haben. Im allgemeinen be—
trachtet, erschienen die seelischen Beziehungen der Persönlichkeit,
wie man sie nun staunend erkannte, unendlich viel feiner und
reicher als bisher: die unbewußten Funktionen menschlichen
Daseins zuckten bloßgelegt; das Herz mit seinen Gemütsregungen
schien wie unter einer Glasglocke zu pulsieren: und ein Drang
dieser neuen Überfülle, sich gleichsam im Unendlichen aufzulösen,
ein Hang zum unerwartet Gewaltigen, unfaßbar Erhabenen
schien die erkennende Seele beinahe zu sprengen. Eine merk⸗
würdig nervöse, schließlich empfindsam getaufte Haltung trat
ein und wurde zur Grundsignatur der nächstkommenden Zeiten.
Indem sich aber so aus anormaler Neugier und im höchsten
Grade erweiterter Aufnahmefähigkeit eine dauernde Spannung
der psychischen Funktionen von größerer Weite, als bisher,
entwickelte, eine Spannung, die zunächst der Anschauung zu—
gute kam, begann die Betätigung von Streben und Wollen
auf längere Zeit zu kränkeln. Eine gewisse Entschlußschwere
bis zur Willensautomatie trat ein, die nirgends besser, als in