Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Denn nur in der Leidenschaft gedeihe Denken und Dichten: 
„Wo sind schnellere Schlüsse, wo wird der rollende Donner 
der Beredtsamkeit erzeugt und sein Geselle — der Blitz?“ Von 
allen Leidenschaften aber war es natürlich die der Liebe, die 
der Zeit am jähesten über den Kopf wuchs. In diesem Zu— 
sammenhange hat Schubart ausgerufen: „Leidenschaft, meine 
Tyrannin, wie hast du deinen Sklaven erniedrigt!“ Wie ekel⸗ 
haft sie in den spielerischen Formen der Liebeständelei auf—⸗ 
treten konnte, davon geben die Briefe von und an Lavpater 
mehr als ein Zeugnis: so wenn die Marchesa Branconi, 
Mätresse des Erbprinzen von Braunschweig, an den Züricher 
Apostel schreiben durfte: „Seele meiner Seele ... Dein 
Taschentuch, Deine Haare sind für mich, was für Dich meine 
Strumpfbänder.“ Da sind denn doch die Liebeleien der Ana⸗ 
kreontiker, dieser Vorboten der Empfindsamkeit, noch erträg⸗ 
licher: „nun schwärme ich wieder, heut verwundet mich ein 
zlaues Aug' tödlich, morgen vergess' ich's bei einem braunen“1. 
Allein die charakteristischen Fälle verlaufen weit schwerer. So 
die Schicksale Sprickmanns, die wohl als typisch gelten können. 
„Nachdem ihm ein Freund das Mädchen seiner ersten Liebe ge— 
raubt hatte, zwangen ihn Familienverhältnisse, eine einfache, 
wenig gebildete, aber seelensgute Frau ohne Liebe zu heiraten. 
Sie vermochte ihn nicht dauernd zu fesseln. Eine vornehme 
Dame in Münster zog ihn an. Der Minister Fürstenberg 
schickte ihn Nopember 1777 auf Reisen nach Wetzlar, Regens⸗ 
burg und Wien. Er sollte ein Jahr ausbleiben: in Regens— 
hurg kehrte er plötzlich wieder um und knüpfte in München 
ein schwärmerisches Liebesverhältnis mit Lotte Einem an, der 
einstigen Geliebten Millers vom Göttinger Hainbund. Ver— 
gebens bemühte man sich, das unselige Verhältnis zu lösen; es 
dauerte einige Jahre an, und Lotte litt zuletzt schwer unter 
ihm. Dann kam Sprickmann unter die Gewalt der Fürstin 
Gallitzin, und Lotte machte die Entdeckung, daß sie das Herz 
1 Der junge Gesner in einem Briefe an Schultheß, Wölfflin, S. 
Gesner, S. 151f.
	        
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