Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

320

Zweiundzwanzigstes Buch.

Dramas stehen da neben Goethes „Iphigenie“ vor allem noch
Lessings „Nathan“ und Schillers „Don Carlos“. Aber wird
man nicht seinem Verständnis in der „Iphigenie“ die Palme
reichen? „Nathan der Weise“ handelt von kirchlicher Toleranz
und innerer religiöser Freiheit, „Don Carlos“ von staatlicher
Freiheit und der Begründung des Staates auf das Wesen des
subjektivistischen Menschen: die „Iphigenie“, das Drama der
Entsühnung, predigt die reine Menschlichkeit des Subjektivismus
als allheilendes Element menschlicher Gebrechen, auch solcher,
die aus niedriger Kultur oder krankhafter Verirrung hervor—
gehen. Und gibt es noch ein zweites Drama nicht bloß der
deutschen, nein der Weltliteratur, in dem Kampf und Not in
gleich klarem, gleich sinnvollem, gleich menschlich schönem Aus—
gleich enden?
Die „Iphigenie“ ist in Italien abgeschlossen worden, doch
war sie schon vor der italienischen Reise in allem Wesentlichen
vollendet. Und so zeigt sie in Form und Inhalt nicht den
Einfluß der italienischen Antike, sondern ist, soweit sie mit der
Antike Berührung hat, ein Kind der Vorstellungen, die sich
Deutsche in Deutschland von den Alten machten. Von diesem
Gesichtspunkte aus erklärt sich die Abneigung gegen das Groß—
artig-Gewaltsame, die sie trotz alles Fürchterlichen der Fabel
durchzieht: erreicht wurde die stille Größe, in der die Kunst
der Alten zu Winckelmann gesprochen hatte. Und aus dieser
Tendenz zu stiller Erhabenheit folgte eine gehaltene Symmetrie
des Szenenaufbaues, innerhalb deren sich die schönste Sprache
durch wohllautende Verse in einen unerschöpflichen Reichtum
sinnvoller Weisheit ergoß. Ja, auch die Gestalten waren in
diese weiche Klarheit getaucht. Erscheinen sie nicht wie antike
Statuen, die von ihren Sockeln langsam und feierlich herab—
steigen, um in fast sakraler Gebärdensprache zu reden?
Wir stehen an der Grenze, an der hellenischer Einfluß noch
belebend wirken konnte, wenn er nicht, wie in einer noch späteren
Entwicklungsstufe Goethes, im Gewande des Symbolischen auf⸗
trat. Und nur das gewaltige innere Weben des Stückes, das
heute Menschenherzen ergreift wie am ersten Tag, verdeckt die
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.