Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 185
Und war nicht in der Tat trotz aller Schlachten und Kriege
doch immer noch etwas von der Pax inaudita der schönen Kaiser—
zeit übrig? Jedenfalls bis ins 16. Jahrhundert hinein war
Deutschland von anderen als inneren Kriegen so gut wie ver—⸗
schont geblieben; erst das 16. Jahrhundert brachte hierin einen
geringen Wandel: bis dann freilich seit dem Dreißigjährigen
Kriege seine Gauen zum blutgetränkten Gefilde der Kämpfe
fast aller Großmächte geworden waren.
Aber dieser Wandel war keineswegs von dem Verfalle der
m Mittelalter geschaffenen politischen Konstellation an sich
abhängig. Eine Folge vielmehr war er des Auftauchens
ebenbürtiger Nachbarn und Gegner im Osten, der Schweden
vor allem und der Russen: einer Eventualität, an deren Ein—
tritt bei der ursprünglichen Kombination Deutschland-Italien⸗
Burqund gewiß nicht gedacht worden war.
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war, hatte die Lage der Dinge der Reichsverfassung eine innere
Entwicklung fast ohne jedes äußere Dazwischentreten anderer
Nationen und sicherlich ohne die Einwirkungen jeder stärkeren
äußeren Katastrophe gesichert. Es war ein außerordentliches
Ergebnis, das dem politischen Handeln der schönen Kaiserzeit
alle Ehre macht. Freilich hatte es auch recht nachteilige
Jolgen. Denn gewiß sah man am Ende des 18. Jahrhunderts
auf eine mehr als siebenhundertjährige ununterbrochene innere
Entwicklung zurück. Aber dieser Entwicklung fehlte damit auch
seder stärkere Reinigungsvorgang, jedes radikale Aufräumen
gleichsam in den Altertumsresten der Vergangenheit, jede
konsequente stufenweise Anpassung der Staatsform an die
kulturelle Entwicklung des Volkes. Und die Folge davon
waren tausend Antinomien und Anomalien der politischen
Zustände; weder Logik noch auch nur zeitgemäße Psychologie
herrschten noch in den Institutionen des Reiches; und so
wenig das eine Bevölkerung, die in den malerischen Ruinen
dieses Staatslebens groß geworden war, stärker empfand, so
schwer wird der Nachgeborene für das Treiben in diesen eine