Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

28238 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes LKapitel. 
Das Verbot des Bauernlegens ging nun teilweise schon aus 
einem zweiten in diesen Dingen maßgebenden Bedürfnisse des abso⸗ 
lutistischen Staates hervor, dem militärischen. Die Bauernschaften 
maren das große Rekrutierungsgebiet der Heere; sie wurden es 
noch mehr, als nach dem Dreißigjährigen Kriege die Zeit der 
stehenden Soldtruppen begann und gleichzeitig die Bevölkerung 
stark abgenommen hatte; sie wurden es mindestens grundsätz⸗ 
lich fast völlig, als für die Rekrutierung, wenigstens in 
Preußen, das Kantonsystem eingeführt worden war. Unter 
diesen Umständen versteht sich, daß man das kostbare Menschen⸗ 
material des platten Landes vor Legung seines Besitzes durch 
den Adel zu schützen suchte; es war ein Akt der allgemeinen 
Peuplierungspolitik, ein Seitenstück zur steigenden weiteren Kolo— 
nisation des platten Landes durch Heranziehung von fremden 
Untertanen gefährdeter Existenz und gefährdeten Glaubens. 
Bedeuteten nun aber diese hauptsächlichsten Maßregeln der 
absoluten Monarchie schon eine Liquidation der alten bäuer— 
lichen Verhältnisse? Auf deren Schutz vielmehr liefen sie 
hinaus; und sozialen Charakter trugen sie nur insofern, als 
sie unbeabsichtigt und indirekt das Fortschreiten des sozialen 
Verfalls an einigen wichtigen Stellen aufzuhalten suchten. Die 
ersten Forderungen einer wirklichen Liquidation aber sind nicht 
von den Thronen ausgegangen, sondern machten sich von unten 
her geltend, aus den Bedürfnissen des deutschen Wirtschafts⸗ 
lebens her, wie es seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahr⸗ 
hunderts einem neuen Aufschwunge entgegenging!. 
Wichtig war hier an erster Stelle, und in dieser Bedeutung 
3z. B. von Friedrich dem Großen schon voll erkannt, daß die Ent⸗ 
wicklung höherer Stufen der Geldwirtschaft auch eine freiere 
Stellung des Grundes und Bodens verlangte. Zum Ausdrucke 
kam dieser Zusammenhang vor allem in rasch aufeinander fol⸗ 
genden Fortschritten der Landwirtschaft im 18. Jahrhundert: 
dem vermehrten Futterbau, der zunehmenden Bewässerung 
und Entwässerung in Drainage und in Rieselwiesenwirtschaft. 
S. zu diesem Aufschwunge im allgemeinen Bd. VIII, 1, S. 141 ff.
	        
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