284 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
durch die Liquidation an sich schon reif dazu gemacht, für
diese Aufgaben die richtigen neuen Daseinsformen zu finden?
Die Frage muß schlechthin verneint werden. Nicht von ihm
eigentlich gefordert, ihm vielmehr aufgedrungen war schon ein
gutes Teil der Emanzipation selbst: nirgends fast hat er rasch,
begeistert, ja auch nur nach langsamer Überlegung freiwillig
Opfer für seine persönliche Befreiung gebracht, wenn sie ihm
nicht mit materiellen Vorteilen verknüpft schien. Wie hätte
er auch so handeln sollen, er, dessen Väter und Ahnen drei
Jahrhunderte der schlimmsten Unterdrückung erlebt hatten.
Erst langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts, im Grunde erst
im Laufe der zweiten Periode des Subjektivismus, nach 1870,
ist der deutsche Bauer sozial und politisch selbständig geworden.
Den besten Beweis hierfür liefert die Tatsache, daß er sich in
dem führenden Staate, in Preußen, während der ganzen
ersten Periode des Subjektivismus, nicht einmal die für ihn
wichtigsten, vom staatlichen Standpunkte aus zugleich primi—⸗
tivsten Formen höheren freiheitlichen Zusammenlebens, volle
Aufhebung der alten gutsherrlichen Gerichtsbarkeit und Polizei
und Erlaß einer wirklichen Landgemeindeordnung, erkämpft hat.
Über diese Zusammenhänge hinaus aber kann man auch
noch fragen, ob es denn, bei so massiven und wichtigen Zu⸗
sammenhängen, wie sie hier zur Besprechung stehen, überhaupt
möglich war, unmittelbar aus der Liquidation heraus soziale
und politische Rechte zu erringen, ohne daß einem wirklich
aussichtsvollen Versuche, sie zu erstreben, nicht ein entsprechen⸗
der neuer wirtschaftlicher Unterbau vorausgegangen wäre. In
der Tat ist erst aus dem wirtschaftlich umgebildeten Dorfe der
alten Vergangenheit im 19. Jahrhundert ein neues soziales
Dorfleben und aus ihm ein neues Gemeindeleben, wie aus
diesem wiederum eine erste wirklich aktive, innige, ersprießliche
Teilnahme am Staatsleben hervorgegangen oder hervorzugehen
hoffentlich im Begriffe. Selbstverwaltung war auch hier die
unbedingt notwendige Vorschule zu staatlichem Interesse.
Sieht man aber die Dinge von diesem Standpunkte aus,
so darf die erste Frage nach den positiven Erfolgen und Folge—