Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

CLiquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 305 
Zeit, wie ihn Leibniz aufgestellt hatte und noch Herder ver— 
trat; wie die Arten sich nicht aus einander entwickeln zu den 
Formen einer immer höheren Erscheinungswelt, sondern ein für 
alle mal in sich, wenn auch in kontinuierlichem Zusammenhang 
von Bildungen, gegeben sind, und wie ihre Vervollkommnung 
nur darin besteht, daß sie sich ausschließlich innerhalb des Be— 
reiches des harmonischen Gleichgewichtes ihrer Kräfte zu der 
höchsten, ihnen eben noch möglichen Form ihres Lebens entfalten: 
so ist auch der Staat in der bestehenden individualistischen 
Form, in der Form des Naturrechts, ein ständig und unab— 
inderlich Gegebenes: und nur darauf kommt es an, seine 
Kräfte in das schönste aller Gleichgewichte, wie Friedrich der 
Große sich ausgedrückt haben würde, in die richtigste seiner 
Balancen zu bringen und dadurch seine höchste Lebensform, in 
Friedrichs Sprachweise seine höchste Aktivité , hervorzuzaubern. 
Wie sehr weicht dies Bild doch von dem ab, das sich die heutige 
subjektivistische Gegenwart von Wesen und Aufgabe des Staates 
macht. Wie in unsere Auffassung der Entwicklung eingetreten 
ist, was man Evolutionismus des 19. Jahrhunderts nennen 
könnte: die Auffassung, daß der Staat ein ständig zu höheren 
Formen Werdendes ist, wie uns durchaus eine dynamische Vor⸗ 
stellung von der Tätigkeit der menschlichen Seele beherrscht, 
so sind wir weit davon entfernt, in der sozialen Schichtung 
etwas Festes zu erblicken; unsere Sozialpolitik ist keine Politik 
konservierender Balance, und die Aktivits besteht nicht mehr in 
der Höchstentwicklung des Gegebenen, sondern in der Durch— 
bildung alles neuen Wirtschaftlichen, Sozialen, Geistigen: aus 
deren Machtäußerungen, wie sie in ständigem Wettbewerbe er— 
folgen, sich das politische Dasein, der jeweils lebendige Staat 
in ewig fortwährendem Ausgleiche gegen das geschichtlich Ge— 
gebene herausbilden soll. 
So ist der Staat nur Abbild, höhere Lebensform gleich— 
sam der subjektivistischen Einzelperson. Denn diese weist 
heute nicht mehr das Starre, Abgegrenzte der Persönlichkeit 
individualistischer Zeiten auf, sondern erscheint, bei allem festeren 
innersten Kern ihres Willenszentrums, in ihren Außerungen 
Ldamprecht, Deutiche Geschichte. IX. 90
	        
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