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Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
politische Einfluß auf Montesquieu sich durch diesen und ver⸗
wandte Denker nach Deutschland erstreckt hat, um gegen Schluß
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts durch eine unmittelbare
Einwirkung englischer Staats- und Gesellschaftslehren überholt
zu werden!.
Einer der wichtigsten Vermittler dieser Ideen aber war
auf dem Gebiete der Verwaltungspraris, bei aller Selbständig—
keit seines Denkens und Wollens, der Freiherr vom Stein; als
Göttinger Student hat er vornehmlich mit Engländern verkehrt,
wie bis zu einem gewissen Grade später am selben Orte und
unter verwandten Verhältnissen sein großer Nachfolger Fürst
Bismarck; und weit griff in diesen Zeiten seine englische
Lektüre geschichtlichen und politischen Inhalts.
Dann aber führte eben der Freiherr vom Stein im deutschen
Nordwesten die Reformanfänge Mösers in der Verwaltung der
preußischen Lande dieser Gegend nach Heinitzscher Vorschrift oder
mindestens im Heinitzschen Sinne fort. Möglich wurde ihm das
wesentlich unter der Einwirkung folgender Umstände. Einmal
hildeten die westlichen Territorien Preußens ein ihren jeweiligen
Leitern besonders fügsames Versuchsobjekt: denn Preußen
war in dieser Zeit in seiner inneren Entwicklung wie seinen
zaußeren Interessen nach noch an erster Stelle ein Staat
des deutsch-kolonialen Ostens. Dann aber war Stein selbst
ein Sohn des Westens, und zwar einer, dem Geburt und
Lebensumstände das Auge frei machten und schärften für ein
schon grundsätzlich neuen Idealen zugewandtes politisches
Handeln. Die Steins, ursprünglich Ministerialen des Hauses
Nassau, hatten ihre Burg auf demselben Berge mit der
Stammburg des Dienstherren: reichsfrei geworden, mußten sie
in ständigem Gegensatze leben zum einstigen Souverän und
nächsten Nachbar. Aber auch im Dienst und in der Anerkennung
benachbarter Fürsten konnten sie nur schwer Fuß fassen: denn
diese waren zumeist katholisch und sie seit alters, ja seit den
Vgl. dazu unten drittes Kapitel, Abschn. IV.