Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 81
„einzigen, wahren individuellen Freiheit“ erwartet. Und ist
nicht in der Tat, so sehr auch dies letzte Ziel im Grunde un—
erreichbar blieb, die Zeit dennoch ausgezeichnet gewesen durch
eine ungemeine Fülle von Menschen stärkster Selbsterziehung,
von Friedrich dem Großen und Goethe hinab bis in die
kleinsten Kreise? Das Gedrungene des Ausdrucks, die klassische
Marmorruhe auf so vielen Bildnissen der Zeit sprechen hier auch
heute noch deutlich genug, selbst wenn sie nur Modezüge der
Porträtkunst gewesen sein sollten.
Wenn man aber das Erziehungsideal der Darstellung
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praktischen Durchführung auch im Rahmen dessen, was der Zeit
möglich war, doch nur langsam.
Das individualistische Zeitalter hatte außer der Berufs—
erziehung schließlich fast nur noch eine intellektualistische Bildung
gekannt. Es war natürlich, daß von diesen beiden Zielen noch
vieles in die neue Zeit hinein bestehen blieb und erst langsam
abstarb. Zwar daß die Erziehung sich allgemein nach Berufs-—
idealen regeln müsse, daß mithin Fürstenerziehung sozusagen
grundsätzlich etwas anderes sei als Adelserziehung, und Adels—
erziehung etwas anderes als Erziehung von Bürgern, das
haben wohl nur noch die älteren Philanthropinisten! behauptet:
allgemein und rasch drang das Ideal einer Menschenerziehung
als solcher durch. Viel schwerer war es dagegen, den Intellek⸗
tualismus der individualistischen Zeit praktisch zu beseitigen.
Gewiß: daß die Bildung des Verstandes durch eine solche des
Herzens ergänzt werden müsse, war schon eine immer wieder
emphatisch vorgetragene Lieblingsforderung der frühsubjek—
tivistischen Zeit. Allein, daß aus der Erziehungskunst als
solcher der Intellektualismus zu bannen sei, war ein Gesichts—
punkt, der z. B. den Philanthropinisten noch keineswegs ein—
leuchtete: auch insofern stehen Basedow und seine Genossen
mit mindestens einem Fuße noch im individualistischen Zeit⸗
alter. Indes selbst später war die intellektualistische Lehr—
1S. zu diesen Band VIII, 1, S. 296 ff..
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IX.