Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 515

Veranlagung, der Spottsucht des Autors, der satirischen Ader,
dem Scharfblick, der ein Objekt suchte, dem Ehrgeiz, der des
literarischen Erfolges bedurfte, verdankt. Gewiß war ihm
Deutschland dabei nicht bloß Prügelknabe; er besaß eine höchste
politische Tendenz; und nicht so ganz fern war er dem Pathos
der werdenden Dinge. Aber seine Erwartungen galten nicht
nur Deutschland. Er ersehnte ein Reich des freien Geistes;
er war kulturpolitisch, was Napoleon III. machtpolitisch war:
der Erträumer einer internationalen liberalen Zukunft: und
in dieser Zukunft galt ihm, wie Napoleon, Frankreich als
Führer. So begreift es sich, daß seine späteren satirischen
Verse, „Deutschland, ein Wintermärchen“ (1844), „Atta Troll“
(1847) und anderes, heute noch von jungen Leuten gelesen
werden, welche die glänzende Form besticht und der freche
Inhalt kitzelt; die Erfahrung Alterer wendet sich von ihnen
ab, denn sie enthalten kein Programm und sie atmen keine
verhaltene Liebe.
Und doch ging es in den Jahren, da Heine sich so ver⸗
nehmen ließ, in Deutschland schon machtvoll vorwärts; doch
wäre so viel Positives bereits zu raten gewesen.
Schon in den ersten Jahren des fünften Jahrzehnts hatte
der nationale Gedanke auch hier und da in den Parlamenten
der einzelnen Länder, wo sie bestanden, Fuß gefaßt: in Sachsen
gelegentlich, stärker im deutschen Südwesten, in Baden, in
Hessen. In Hessen-Darmstadt hatte 1842 der Abgeordnete
Glaubrech aus Anlaß des hannöverschen Verfassungsbruches
und seiner Folgen beantragt, „laut und freimütig die Stimme
zu erheben zur Verteidigung der heiligsten und wichtigsten
Interessen des gemeinsamen Vaterlandes“. In der Germanisten⸗
versammlung des Jahres 1846 zu Frankfurt sprach es Uhland bei
einer Tagung im Römer, in dem Bankettsaal der alten Kaiser—
krönungen, offen aus: es sei ihm, als wollten die Gemälde der
alten Herrscher, die die Wände zieren, lebendig werden, als
wollten die Kaiser herabspringen unter ihr Volk. Ein dJahr
später aber forderte eine Versammlung sudwestdeutscher Liberaler
zu Heppenheim schon die Berufung eines Zollparlaments. Und
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