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Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
schlimmsten politischen Prozesse der Reaktionszeit verknüpft ist,
wie der berüchtigte Polizeidirektor Stieber blieben im Amte,
bis im November 1860 ein Prozeß das Bild ihres Treibens
zu lebhaft erneute; und Graf Schwerin, der Minister des
Innern, wurde der reaktionären Beamten seines Ressorts nicht
Herr. So schien es, als sollte in mancher Hinsicht die Politik
Friedrich Wilhelms IV. ihre Fortsetzung finden. Gleichzeitig
aber begann die Regierung mit einem Plan der Heeresreform
hervorzutreten, der doppelt müßig schien, da man ja doch keine
große und kühne Politik treiben wolle. Und was schlimmer
war: dieser Plan erschien bald, wie man sich nicht verhehlen
konnte, als des Prinzen eigenstes Werk.
Der Prinz hatte sich von jeher eingehend mit den Heeres—
angelegenheiten beschäftigt; er hatte es erleben müssen, daß
der Kriegsminister im November 1850 erklärte, Preußens Heer
sei dem Kampfe mit dem österreichischen nicht gewachsen; er
war von der Überzeugung erfüllt, daß in geordneter, militä—
rischer Gewalt die eigentliche Kraft jeder Souveränität und
namentlich eines wirklich lebendigen, modernen Königtums liege;
und er war von diesen Gesichtspunkten und Erfahrungen aus,
wesentlich unterstützt durch eine Denkschrift Röoons vom Juni
1858, für die Gegenwart etwa zu folgender Erwägung ge—
kommen. Die preußische Kriegsverfassung beruhe dermalen
noch immer auf den Gesetzen der Jahre 1814 und 1815. Ihre
Rahmen innerhalb des Grundsatzes der allgemeinen Dienst⸗
pflicht seien dementsprechend auf die Bevölkerung von 1814,
etwas über zehn Millionen Seelen, berechnet. Seitdem habe sich
aber die Bevölkerung auf nahezu achtzehn Millionen vermehrt.
Dem gemäß würden jetzt nur vierzigtausend junge Leute all—
jährlich in das Heer eingestellt, viele Tausende aber blieben
frei: was eine offenbare Ungerechtigkeit bedeute. Ferner —
so etwa verliefen die Erwägungen des Prinzen weiter — ge—
hörten nach der Gesetzgebung von 1814 und 1815 die Aus—
gehobenen drei Jahre der Linie, sieben Jahre der Landwehr
ersten Aufgebots und sieben Jahre der Landwehr zweiten Auf—
gebots an. Die Landwehr ersten Aufgebots sei also eigentlich