Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 45
zeigen, so trieben hier nebeneinander die Fluthen vergehender
und kommender Jahrhunderte.
Es ist die Zeit der Uebergänge; kein Gebiet erhält in ihr
wol einen bunteren Anstrich, als das der Litteratur. Noch lebte
hier in alter Weise die Volkspoesie, noch bewegte sie sich in
den hergebrachten objectiven Wortverbindungen und Ausdrücken,
nur wenig beeinflußt von den Umgestaltungen der Jahrhunderte,
welche an ihr vorbeigerauscht waren. Zwar war auch für sie
die Blüthe des Epos vorüber; der Volksgeist war zu sehr sub—
sectiv geworden, er fand seinen Ausdruck schon überwiegend in
dem Erguß lyrischer Stimmungen, wenn auch oft noch unter
dem Festhalten epischer Einkleidung. Aber diese Lyrik hat
aichts Persönliches, sie begreift nicht die Stimmung in ihrer
subjectiven Berechtigung, sondern sie objectiviert die Gefühls—
scala Aller in ihren Harmonien oder Discrepanzen. Daher
greift ihr Gebiet weit hinein in die Kreise gemeinsamer Inter⸗
essen; allgemein Menschliches und Nationales hallt hier im
Liebes- und Naturliede, wie im politischen Gedichte wieder.
Und so ist es bezeichnend, daß gegen Ende der Epoche die
characteristische Auffassung auch schon einzelner Lebenskreise dem
Volksliede geläufig ward: Lob und Verspottung einzelner Hand⸗
werke, Jäger-, Spielmanns- und Studentenlieder erstehen und
finden Beifall. Es ist das eine Annäherung an die Entwicklung,
welche unterdeß die Kunstdichtung durchlaufen hatte. Auch in
ihr drang nach dem Verfall der höfischen Poesie durchaus der
bürgerliche Character des herrschenden Standes durch, der
phantastische Anstrich der bisherigen erzählenden Litteratur wich
dem räsonnierenden, das Epos dem Schwanke oder der Allegorie;
die Lyrik wurde in der Behandlung der Meistersinger steif und
philisterhaft und schrumpfte im Uebrigen fast bis zur Didactik
zusammen. Aber die schönen Zeiten auch dieser lebteren fallen
noch in die Werdezeit der bürgerlichen Klassen, und ihre Er—
eugnisse sind mehr eine letzte Dichtergabe aus dem Spätherbst
der Ritterschaft. Um so üppiger erblühten von jetzt ab die
Allegorie und der Schwank oder die kurze Erzählung mit oft
allegorischem oder didactischem Abschluß. Auch hier wiesen schon