Bildende Kunst.
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Stil zu nennen? Allein dies Wort wird doch in anderem
Sinne gebraucht: zumeist in Anlehnung an die jeweilige Form
der Baukunst, die mit der hier behandelten Form, schon
wegen der oben genauer besprochenen entwicklungsgeschichtlichen
Stellung der Baukunst, keineswegs zusammenfällt. So wird
man die Form vom Stile scheiden müssen und sie darum
wenigstens da, wo das einfache Wort Form Mißverständ⸗—
nisse herbeiführen könnte, am besten Gemeinform oder ge—
mein⸗psychische Form oder Form eines bestimmten Zeitalters
nennen.
Innerhalb dieser Gemeinform seiner Zeit nun, sie im ein—
zelnen verändernd und fortbildend, schafft dann der einzelne
Künstler. Denn wie er auch immer thätig sein möge, er ist eine
Persönlichkeit und thut damit gegenüber der Wirklichkeit und der
Art, wie diese von der Gemeinform ergriffen wird, ihr sein
Eignes hinzu. Dabei sind denn unendlich viele Schattierungen
in dem Wesen dieses Eignen denkbar. Aber sie alle bewegen
sich innerhalb zweier Pole. Dem Künstler kann entweder der
Drang innewohnen, aufs weiteste — oft meint er selbst:
gänzlich — in der Erscheinungswelt aufzugehen und diese so
natürlich wie nur irgend innerhalb der Tendenz der herrschenden
Gemeinform denkbar, ja über diese in leisen Schritten hinaus
wiederzugeben: in diesem Falle spricht man von Naturalismus.
Oder aber er läßt in das Kunstwerk außer der Form seines
Temperaments auch noch seine Neigung und Stimmung, im
stärkeren Falle Spuren seiner Weltanschauung, seiner sittlichen
Maximen und anderer stofflich-persönlichen Elemente einfließen:
dann wird man ihn zu den Idealisten rechnen. Demnach wäre
auch noch eine persönliche Form, und in ihr wieder eine natura—
listische und eine idealistische Abart zu unterscheiden. Und
dabei können diese Formen bei ein und demselben Künstler
vertreten sein: gerade die Großen — auf deutschem Boden
z. B. die van Eycks, Dürer, Rembrandt, Rubens — haben
die naturalistische Wiedergabe stark gefördert und die neuen
Errungenschaften dieser zugleich idealisiert.
Man sieht hieraus, wie wenig es möglich ist, die Geschichte