Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Stil zu nennen? Allein dies Wort wird doch in anderem 
Sinne gebraucht: zumeist in Anlehnung an die jeweilige Form 
der Baukunst, die mit der hier behandelten Form, schon 
wegen der oben genauer besprochenen entwicklungsgeschichtlichen 
Stellung der Baukunst, keineswegs zusammenfällt. So wird 
man die Form vom Stile scheiden müssen und sie darum 
wenigstens da, wo das einfache Wort Form Mißverständ⸗— 
nisse herbeiführen könnte, am besten Gemeinform oder ge— 
mein⸗psychische Form oder Form eines bestimmten Zeitalters 
nennen. 
Innerhalb dieser Gemeinform seiner Zeit nun, sie im ein— 
zelnen verändernd und fortbildend, schafft dann der einzelne 
Künstler. Denn wie er auch immer thätig sein möge, er ist eine 
Persönlichkeit und thut damit gegenüber der Wirklichkeit und der 
Art, wie diese von der Gemeinform ergriffen wird, ihr sein 
Eignes hinzu. Dabei sind denn unendlich viele Schattierungen 
in dem Wesen dieses Eignen denkbar. Aber sie alle bewegen 
sich innerhalb zweier Pole. Dem Künstler kann entweder der 
Drang innewohnen, aufs weiteste — oft meint er selbst: 
gänzlich — in der Erscheinungswelt aufzugehen und diese so 
natürlich wie nur irgend innerhalb der Tendenz der herrschenden 
Gemeinform denkbar, ja über diese in leisen Schritten hinaus 
wiederzugeben: in diesem Falle spricht man von Naturalismus. 
Oder aber er läßt in das Kunstwerk außer der Form seines 
Temperaments auch noch seine Neigung und Stimmung, im 
stärkeren Falle Spuren seiner Weltanschauung, seiner sittlichen 
Maximen und anderer stofflich-persönlichen Elemente einfließen: 
dann wird man ihn zu den Idealisten rechnen. Demnach wäre 
auch noch eine persönliche Form, und in ihr wieder eine natura— 
listische und eine idealistische Abart zu unterscheiden. Und 
dabei können diese Formen bei ein und demselben Künstler 
vertreten sein: gerade die Großen — auf deutschem Boden 
z. B. die van Eycks, Dürer, Rembrandt, Rubens — haben 
die naturalistische Wiedergabe stark gefördert und die neuen 
Errungenschaften dieser zugleich idealisiert. 
Man sieht hieraus, wie wenig es möglich ist, die Geschichte
	        
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