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Bildende Kunst.
der Phantasiethätigkeit etwa nach idealistischen und natura—
listischen Perioden zu gliedern. Wo sich eine starke Fortbildung
des Wirklichkeitssinnes vollzieht, also ein neuer Naturalismus
einsetzt, da ist alsbald auch der Idealismus zur Stelle, und
beide greifen selbst beim gleichen Künstler, wie viel mehr erst
bei verschiedenen Künstlern desselben Zeitalters, wirksam und
ständig ineinander. Und auch nach vorwiegendem Naturalismus
und Idealismus lassen sich große Perioden der Entwicklung
nicht abgrenzen. Denn was soll eine Scheidung, die immer
nur mit einem Mehr oder Minder rechnet? Elemente vor
allem der höchsten Periodenbildung müssen klar und eindeutig
und darum auch im höchsten Grade eigenartig sein. Nur
für den speziellen Verlauf einer Kunst innerhalb einer be—⸗
stimmten Periode mag eine Charakteristik der Einzelvorgänge
nach dem Überwiegen naturalistischer und idealistischer Elemente
zulässig sein. Und auf diesem Boden wird sich dann der
Regel nach herausstellen, daß in Anfangszeiten einer neuen
Phantasiethätigkeit der Naturalismus überwog, worauf eine
Zeit stärkerer Idealisierung einsetzte. Natürlich: die Künstler
erobern erst die Ausdrucksweise eines verstärkten Wirklichkeits⸗
sinnes; sind sie ihrer Meister, so schaffen sie aus dieser Be—
herrschung heraus mehr persönlich, typisierend, idealistisch.
Es erhellt hiernach, daß der Gebrauch der Wörter Idealis⸗
mus und Naturalismus (Realismus) zur Bezeichnung eines
bestimmten Zeitalters unzulässig ist. Es hat zu allen Zeiten
Naturalismus und Idealismus gegeben; und da die Gemein—
form im Verlauf der nationalen Geschichten in ihrer Entwicklung
erfahrungsmäßig durch die Entfaltung eines immer stärkeren
Wirklichkeitssinnes (richtiger: durch die immer vollständigere
Hebung physiologischer Gesichtseindrücke in den Bereich be⸗
wußter Anschauung), also durch naturalistische Vorgänge be—
stimmt ist, so bilden die verschiedenen Naturalismen der ver—
schiedenen Zeitalter das eigentlich zusammenhaltende Band der
kunstgeschichtlichen Entwicklung. Wir können demgemäß von
einem symbolistischen, ornamentalen, typisch⸗konventionellen,
individualistischen, subjektivistischen Naturalismus sprechen und