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Bildende Kunst.
in diesen ein doppelt und dreifach Singuläres bedeutsam
weiter. Wer empfindet das nicht, wenn er noch heute mit
innigstem Anteil die „Antigone“ des Sophokles hört, oder sich
mit innerem Gewinn in die Frömmigkeit der Betrachtungen des
ursprünglichen Buddhismus vertieft, oder auch mit frischestem
Entzücken Hokusais hundert Ansichten des Fuhsiyama betrachtet!
Es sind Erzeugnisse ganz persönlicher Art, die, gleichen
psychischen Vorbedingungen etwa, wie sie unser Kulturzeitalter
darbietet, entsprungen, für uns aber doch gleichsam zeit- und
raumlos, wie die Psyche an sich, auf unser Interesse eindringen,
unsere Seele einnehmen und bereichern. Es sind Erbstücke
gleichsam des weltgeschichtlichen Verlaufs, die ihrem inneren
Wesen nach dem Untergange entzogen scheinen und darum
noch ganz anders Erzeugnisse des Ewigen im Menschen sind, als
Einzelerrungenschaften eines mit der jeweiligen Entwicklungs—
stufe enger verknüpften und darum weit leichter wieder mit ihr
zu Grunde gehenden seelischen Energieverbrauchs oder gar
Kriege und Staatsgeschäfte und Schlachten. Werden wir aber
deshalb die allgemeineren Errungenschaften der Kulturarbeit
gering achten? Soll nicht sogar auch der äußere Verlauf der
Geschichte, das Schicksal der Völker in Ausbreitung und Kampf
und Sieg und Untergang in der großen geschichtlichen Be—
trachtung seinen Platz haben? Der Botaniker wird sich wenig
darum kümmern, ob diese oder jene Eiche von stärkeren Nach⸗
barn im Wuchs unterdrückt oder vom Blitz zerspellt wird: es
giebt genug Eichen, und was bedeutet ihm die hypothetische Indi—
vidualseele der Eiche? Eine große menschliche Gemeinschaft da—
gegen, ein Volk, bildet unter allen Umständen einen so wertvollen
Ast, ein so schönes Blatt wenigstens an jenem Baume der
Menschheit, dessen Wurzeln wir ebensowenig kennen wie die
Ausläufer seines Wipfels, daß uns immer auch sein äußeres
Schicksal fesseln wird. Und hat die Muse der Historie nicht
noch immer etwas von erzählender Schwatzhaftigkeit? „Die
Kinder, sie hören es gerne!“ Darum soll uns auch die äußere Ge—
schichte nicht, noch weniger aber freilich die stille Kulturarbeit im
Kleinen „Schein“ sein oder gar „Lüge“, Wörter, mit denen