Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
in diesen ein doppelt und dreifach Singuläres bedeutsam 
weiter. Wer empfindet das nicht, wenn er noch heute mit 
innigstem Anteil die „Antigone“ des Sophokles hört, oder sich 
mit innerem Gewinn in die Frömmigkeit der Betrachtungen des 
ursprünglichen Buddhismus vertieft, oder auch mit frischestem 
Entzücken Hokusais hundert Ansichten des Fuhsiyama betrachtet! 
Es sind Erzeugnisse ganz persönlicher Art, die, gleichen 
psychischen Vorbedingungen etwa, wie sie unser Kulturzeitalter 
darbietet, entsprungen, für uns aber doch gleichsam zeit- und 
raumlos, wie die Psyche an sich, auf unser Interesse eindringen, 
unsere Seele einnehmen und bereichern. Es sind Erbstücke 
gleichsam des weltgeschichtlichen Verlaufs, die ihrem inneren 
Wesen nach dem Untergange entzogen scheinen und darum 
noch ganz anders Erzeugnisse des Ewigen im Menschen sind, als 
Einzelerrungenschaften eines mit der jeweiligen Entwicklungs— 
stufe enger verknüpften und darum weit leichter wieder mit ihr 
zu Grunde gehenden seelischen Energieverbrauchs oder gar 
Kriege und Staatsgeschäfte und Schlachten. Werden wir aber 
deshalb die allgemeineren Errungenschaften der Kulturarbeit 
gering achten? Soll nicht sogar auch der äußere Verlauf der 
Geschichte, das Schicksal der Völker in Ausbreitung und Kampf 
und Sieg und Untergang in der großen geschichtlichen Be— 
trachtung seinen Platz haben? Der Botaniker wird sich wenig 
darum kümmern, ob diese oder jene Eiche von stärkeren Nach⸗ 
barn im Wuchs unterdrückt oder vom Blitz zerspellt wird: es 
giebt genug Eichen, und was bedeutet ihm die hypothetische Indi— 
vidualseele der Eiche? Eine große menschliche Gemeinschaft da— 
gegen, ein Volk, bildet unter allen Umständen einen so wertvollen 
Ast, ein so schönes Blatt wenigstens an jenem Baume der 
Menschheit, dessen Wurzeln wir ebensowenig kennen wie die 
Ausläufer seines Wipfels, daß uns immer auch sein äußeres 
Schicksal fesseln wird. Und hat die Muse der Historie nicht 
noch immer etwas von erzählender Schwatzhaftigkeit? „Die 
Kinder, sie hören es gerne!“ Darum soll uns auch die äußere Ge— 
schichte nicht, noch weniger aber freilich die stille Kulturarbeit im 
Kleinen „Schein“ sein oder gar „Lüge“, Wörter, mit denen
	        
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