Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Indes noch ehe Conradi zu einer Frühreife gedieh, der kein 
reicher und glücklicher Herbst folgte, war bereits die erste 
ganz moderne Lyrik, die Lyrik des physiologischen Impressio— 
nismus zur vollen Höhe ihrer Blüte gelangt: durch Liliencron. 
Liliencron aber hatte eine überaus begabte Vorläuferin gehabt 
in Ada Christen (geb. 1844, gest. 1901, — „Lieder einer 
Verlorenen“, 1868; „Aus der Asche“, 1870; „Schatten“, 1872; 
„Aus der Tiefe“, 1878). Was Ada Christen auszeichnet, das 
ist die weibliche Sorglichkeit in der Intensität der Beobachtung, 
und dabei eine Weichheit der Malerei trotz oft recht herben 
Inhalts, die Liliencron in dieser Verbindung weder in seiner 
ersten noch in seiner zweiten Periode erreicht hat. 
Im übrigen wurde Anfang der neunziger Jahre der Ver— 
such gemacht, den reinen Impressionismus Liliencrons noch zu 
übertrumpfen. Arno Holz, den wir schon als den ästhetischen 
Gesetzgeber des naturalistisch-impressionistischen Romans und des 
Dramas kennen gelernt haben, versuchte sich damals auch in 
der Lehre einer physiologisch-impressionistischen Lyrik. Seine 
Forderung ging dabei auf eine Dichtungsform, „die auf jede 
Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet, und die, rein 
formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der 
nur noch durch das lebt, was durch ihn zum Ausdruck ringt“. 
Holz will also, um es anders auszusprechen, nur noch den 
Rhythmus zulassen als unmittelbarsten Ausdruck der inneren 
Struktur der Impressionen; er will, wie er es bezeichnet, den 
„immanenten Rhythmus“, der jedesmal „neu aus dem Inhalt 
herauswachse“. Warum nun das? Einfach, weil ihm alle 
anderen Kunstmittel zur Wiedergabe dichterischer Eindrücke, 
Reim, Strophe und Verwandtes, als verbraucht erscheinen: 
„was im Anfang Hohes Lied war, ist dadurch, daß es immer 
wiederholt wurde, heute Bänkelsängerei geworden.“ 
Kann nun eine solche Reaktion gegen bestehende Formen 
im Grunde etwas Verneinendes, allein schon zum Aufsuchen 
neuer Formen berechtigen? Wie man sich auch zu dieser Frage 
stellen möge: gewiß ist, daß die bloße Betonung eines Rhyth⸗ 
mus, von dem Wirkungen allerstärkster Charakterisierungsfähigkeit
	        
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