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Dichtung.
die Prosa!, so färbte doch die journalistische Reportage alsbald
und wie von alters her auf die litterarische Skizze ab. Auch
hier hieß es vor allem: Gegenständlichkeit, Kürze, Form—
verdichtung; und der Roman wich teilweise der Erzählung
und die Novelle dem, was die Amerikaner, in diesem Falle die
„ersten am Platze“, short story getauft haben.
Entwicklungsgeschichtlich war es die Überführung der
Skizze zunächst in den physiologischen Impressionismus. Und
aus dem physiologischen ist sie dann in den psychologischen
und den neurologischen Impressionismus übergegangen und
aus diesem heraus schließlich weich und — soweit es die Kürze
zuließ — musikalisch geworden: hat sie mit einem Worte die
uns schon bekannte Stufenleiter psychischer Eindrücke auch ihrer—
seits durchlaufen. Und wie sollte sie nicht, nachdem sie einmal
auf den Eindruck gestellt war?
Dem Schicksale der Zelle aber folgte, wenn auch mit
manchen besonderen Wendungen, das Schicksal der aus ihr er—
bauten Organismen. Wir gehen zur Entwicklung des Romans
und der kunstvoll erzählenden Geschichte über.
2. Hier war zunächst klar, daß der neue Roman sich da
in seinen Anfängen am frühesten einstellen mußte, wo die
Übergänge von der feuilletonistischen zur naturalistischen Skizze
am ehesten stattfanden, und wo dieser bloße Übergang schon
genügte, um dem Roman neue, naturalistischere Stoffe zu—
zuführen. In Deutschland war das in Berlin der Fall, und
dieser Zusammenhang erhob Berlin in den ersten Zeiten der
neuen Litteratur wenigstens auf dem Gebiete der Kunsterzählung
teilweise zur führenden Stadt: das, was entwicklungsgeschicht—
lich zunächst entstand, war der Berliner Roman der achtziger
Jahre. Will man ihn verstehen, so bedarf es eines kurzen
Einblicks in die besonderen Anregungen, welche ein groß—
städtisches Leben der Litteratur darbieten kann. In dem un—
1 Vgl. Bahr, Moderne S. 12.