Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

282 
Dichtung. 
die Prosa!, so färbte doch die journalistische Reportage alsbald 
und wie von alters her auf die litterarische Skizze ab. Auch 
hier hieß es vor allem: Gegenständlichkeit, Kürze, Form— 
verdichtung; und der Roman wich teilweise der Erzählung 
und die Novelle dem, was die Amerikaner, in diesem Falle die 
„ersten am Platze“, short story getauft haben. 
Entwicklungsgeschichtlich war es die Überführung der 
Skizze zunächst in den physiologischen Impressionismus. Und 
aus dem physiologischen ist sie dann in den psychologischen 
und den neurologischen Impressionismus übergegangen und 
aus diesem heraus schließlich weich und — soweit es die Kürze 
zuließ — musikalisch geworden: hat sie mit einem Worte die 
uns schon bekannte Stufenleiter psychischer Eindrücke auch ihrer— 
seits durchlaufen. Und wie sollte sie nicht, nachdem sie einmal 
auf den Eindruck gestellt war? 
Dem Schicksale der Zelle aber folgte, wenn auch mit 
manchen besonderen Wendungen, das Schicksal der aus ihr er— 
bauten Organismen. Wir gehen zur Entwicklung des Romans 
und der kunstvoll erzählenden Geschichte über. 
2. Hier war zunächst klar, daß der neue Roman sich da 
in seinen Anfängen am frühesten einstellen mußte, wo die 
Übergänge von der feuilletonistischen zur naturalistischen Skizze 
am ehesten stattfanden, und wo dieser bloße Übergang schon 
genügte, um dem Roman neue, naturalistischere Stoffe zu— 
zuführen. In Deutschland war das in Berlin der Fall, und 
dieser Zusammenhang erhob Berlin in den ersten Zeiten der 
neuen Litteratur wenigstens auf dem Gebiete der Kunsterzählung 
teilweise zur führenden Stadt: das, was entwicklungsgeschicht— 
lich zunächst entstand, war der Berliner Roman der achtziger 
Jahre. Will man ihn verstehen, so bedarf es eines kurzen 
Einblicks in die besonderen Anregungen, welche ein groß— 
städtisches Leben der Litteratur darbieten kann. In dem un— 
1 Vgl. Bahr, Moderne S. 12.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.