Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
führung auch nur wunderbarer Züge im Drama fort, so kann 
—D— 
oder in der unbewußten Anwendung eines Kunstmittels, das auch 
— 
Aus alledem ergiebt sich, daß das phantastische Reaktions— 
gefühl gegen den physiologischen Impressionismus notwendig 
symbolistische Züge annehmen mußte. Wurde aber das Märchen 
einige Jahre hiudurch geradezu zur dramatischen Lieblingsform 
der Zeit, so mag noch ein anderes Motiv mitgespielt haben. Über 
all dem eingehenden Studium des Außeren hatte man wirklich die 
dramatische Psychologie als besondere Kunst gleichsam halb ver— 
lernt. Jetzt beherrschte man den Apparat äußerer Illusionen und 
schritt unwillkürlich weiter auf die tieferen psychologischen Pro— 
bleme zu. Wo und wie aber konnte man da am leichtesten lernen, 
ohne doch den Schüler zu zeigen? Gewiß im und am Märchen— 
drama. Wie der primitive physiologische Impressionismus die 
Armeleutewelt aufgesucht hatte, so bewegte sich daher der 
primitive psychologische Impressionismus in der Traum- und 
Märchenwelt, und öfters, wie z. B. in Hauptmanns „Hannele“, 
haben beide Welten sich in einem Kunstwerk zusammengefunden. 
Das Erscheinen des symbolistischen Dramas wurde an— 
gekündigt durch Wildenbruchs „Heiliges Lachen“ (Februar 1892), 
ein Tendenzstück gegen den vom Kaiser verdammten politischen 
Pessimismus, künstlerisch betrachtet eine grobe symbolistische 
Zimmermannsarbeit. Denn Wildenbruch hatte von dem neuen 
Prinzip nur das Äußerlichste erfaßt: Emblem und Allegorie. 
Nicht viel weiter gelangte er aber auch im „Willehalm“ (1897). 
Wie viel reicher und feiner hatte da inzwischen schon der Wiener 
Musiker Adalbert von Goldschmidt (geb. 1848) die Allegorie 
dem Symbolismus in seinem Melodrama „Gaea“ dienstbar 
gemacht, einem Mysterium der menschlichen Entwicklungsgeschichte 
nach moderner Auffassung! Und fast noch lebendiger war dann 
die Allegorie gebraucht, ja fast schon wieder zu voller Wirk— 
lichkeit verklärt worden in der buddhistischen Trilogie Hans 
von Gumppenbergs „Alles und Nichts“ (1894). Es ist dem 
Stoffe nach wie ein menschlicheres Gegenstück zu Goldschmidts
	        
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