Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Conkunst. 
Künste zu jeder Zeit auftreten. Gewiß unterliegt auch sein Dasein 
jedesmal gewissen Bedingungen, aber diese Bedingungen sind 
nicht solche tiefst sozialpsychischer Natur, nicht solche eines be— 
stimmten Zeitalters. Nehmen wir z. B. die bildenden Künste, 
so tritt bei diesen erfahrungsmäßig das Gesamtkunstwerk zu 
Tage, sobald ein bestimmter Baustil kräftig entwickelt und im 
Zusammenklang damit ein bestimmter Farbensinn eingebürgert 
ist: mit anderen Worten dann, wenn für Umriß und farbige 
Flächenfüllung beherrschende Motive gewonnen sind. Natür— 
lich: denn durch was sonst sollen denn die bildenden Künste 
beherrscht sein, wenn nicht durch Umriß und Flächenbehandlung, 
durch den Stilcharakter also der beiden ersten Dimensionen, der 
in seiner jeweiligen Besonderheit zugleich die Behandlung der 
dritten Dimension einschließt? Solche Zeiten des Gesamt— 
werks bildender Kunst sind alle Perioden ganz ausgesprochenen 
Stils gewesen: der gotische Stil hat seine überhöhten Pro— 
portionen auf die menschliche Gestalt und damit auf Plastik 
und Malerei übertragen, die Renaissance hat wie die Gotik 
das Kunstgewerbe in seine Architekturformen gebracht, das 
Rokoko hat, wie Gotik und Renaissance, einen spezifischen — 
in diesem Falle lichten — Ton gleichmäßig im Kunstbau, in 
der Malerei und nicht minder auch in der Bildkunst verwendet. 
Und stehen wir heute nicht an der Schwelle der Entfaltung 
einer neuen bildenden Gesamtkunst? Und zeigt sich nicht schon, 
daß sich zu deren Durchbildung ein bestimmter Farbengeschmack 
mit dem Konturengeschmack einer bestimmten, erst werdenden 
Baukunst verbinden wird? 
Wenn wir aber vom Wagnerschen Kunstwerk sprechen, so 
ist von Perioden eines so partiellen Gesamtkunstwerks nicht die 
Rede. Das, was Wagner bezweckte und in gewissem Grade 
erreichte, war die Verbindung aller Künste, der bildenden wie 
der darstellenden, wie der musischen, in dem einen Kunstwerk 
des musikalischen Dramas. Ist nun dieser Gedanke allen Zeit— 
altern zugänglich, — oder wann tritt er auf? Die Spuren 
führen von der Gegenwart her nicht zurück über das große Zeit— 
alter subiektiven Seelenlebens, das in der deutschen Entwicklung
	        
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