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Conkunst.
Künste zu jeder Zeit auftreten. Gewiß unterliegt auch sein Dasein
jedesmal gewissen Bedingungen, aber diese Bedingungen sind
nicht solche tiefst sozialpsychischer Natur, nicht solche eines be—
stimmten Zeitalters. Nehmen wir z. B. die bildenden Künste,
so tritt bei diesen erfahrungsmäßig das Gesamtkunstwerk zu
Tage, sobald ein bestimmter Baustil kräftig entwickelt und im
Zusammenklang damit ein bestimmter Farbensinn eingebürgert
ist: mit anderen Worten dann, wenn für Umriß und farbige
Flächenfüllung beherrschende Motive gewonnen sind. Natür—
lich: denn durch was sonst sollen denn die bildenden Künste
beherrscht sein, wenn nicht durch Umriß und Flächenbehandlung,
durch den Stilcharakter also der beiden ersten Dimensionen, der
in seiner jeweiligen Besonderheit zugleich die Behandlung der
dritten Dimension einschließt? Solche Zeiten des Gesamt—
werks bildender Kunst sind alle Perioden ganz ausgesprochenen
Stils gewesen: der gotische Stil hat seine überhöhten Pro—
portionen auf die menschliche Gestalt und damit auf Plastik
und Malerei übertragen, die Renaissance hat wie die Gotik
das Kunstgewerbe in seine Architekturformen gebracht, das
Rokoko hat, wie Gotik und Renaissance, einen spezifischen —
in diesem Falle lichten — Ton gleichmäßig im Kunstbau, in
der Malerei und nicht minder auch in der Bildkunst verwendet.
Und stehen wir heute nicht an der Schwelle der Entfaltung
einer neuen bildenden Gesamtkunst? Und zeigt sich nicht schon,
daß sich zu deren Durchbildung ein bestimmter Farbengeschmack
mit dem Konturengeschmack einer bestimmten, erst werdenden
Baukunst verbinden wird?
Wenn wir aber vom Wagnerschen Kunstwerk sprechen, so
ist von Perioden eines so partiellen Gesamtkunstwerks nicht die
Rede. Das, was Wagner bezweckte und in gewissem Grade
erreichte, war die Verbindung aller Künste, der bildenden wie
der darstellenden, wie der musischen, in dem einen Kunstwerk
des musikalischen Dramas. Ist nun dieser Gedanke allen Zeit—
altern zugänglich, — oder wann tritt er auf? Die Spuren
führen von der Gegenwart her nicht zurück über das große Zeit—
alter subiektiven Seelenlebens, das in der deutschen Entwicklung