Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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auf den verschiedensten Gebieten nicht bloß der einen Gruppe 
der bildenden oder der darstellenden Künste, sondern beider 
zugleich thätig sind. Das erste ganz vollkommene Beispiel 
hierfür scheint Philipp Otto Runge, der Begründer des 
ersten deutschen, leider so kurzlebig verlaufenen malerischen 
Impressionismus im Beginne des 19. Jahrhunderts geboten 
zu haben. Er war zunächst bildender Künstler auf fast jedem 
Gebiete, er malte, er schnitt Silhouetten, er zeichnete Vorlagen 
für Geräte, er war der Erfinder jener Ornamentik, als deren 
Schöpfer gewöhnlich Neureuther betrachtet wird. Aber er 
komponierte auch, schriftstellerte und dichtete und hatte starke 
philosophische Interessen; den Beweis erbringen seine „Hinter— 
lassenen Schriften“, die 1842 von seinem Bruder herausgegeben 
worden sind. Und Hand in Hand mit einer so mannigfachen 
Begabung pflegt dann ein Zug aufs Einheitliche zu gehen, so 
vie in jeder höher stehenden Volkswirtschaft die stetig zu— 
aehmende Arbeitsteilung durch eine entsprechende Arbeitsver— 
einigung gegengewogen wird; und diesem Zuge entspricht dann 
äußerlich ein Bedürfnis der Einsamkeit. So schwebte schon dem 
nervösen Kleist das Ideal des einfachen Landlebens vor; Ludwig, 
der so lange darüber im Unklaren blieb, ob er mehr als 
Musiker oder als Dichter geboren sei, wäre am liebsten Dorf⸗ 
schulmeister geworden, und selbst Wagner, der große Agitator, 
hat lange Jahresreihen der Einsamkeit gehabt und genossen. 
Dieser Drang der Vereinheitlichung aber, innerlich aufgefaßt, 
führt nun fast regelmäßig zu starker Berücksichtigung der Musik. 
Es kann das auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Wie 
aber wäre es im Grunde anders denkbar in einem vornehmlich 
dem Nervenleben als dem bewußt Neuen zugewendeten Zeit— 
alter? Denn die Musik ist unter allen Künsten diejenige, die 
sich am unmittelbarsten an die Nerven wendet. Darum steht 
die Musik im Mittelpunkte aller jener Wechselreize, von deren 
gegenseitiger Vertretbarkeit oben die Rede war: und Farbe 
und Gestalt, Malerisches und Dichterisches ruft bei über— 
leitung der Eindrücke von einem Sinne zum andern vor allem 
nusikalische Empfindungen hervor. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.
	        
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