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Räder und Radreifen.
Gesamtzahl aus. Die Papierräder, erfunden von Allen, stammen aus Amerika, woselbst
sie unter allen besseren Wagen laufen. Die Papierscheibe (Abb. 277) wird aus 56 Papp
bogen zusammengeleimt, scharf getrocknet und gepreßt. Sie ist so hart, daß sie wie das
Eisen auf Maschinen abgedreht werden kann. Die Verbindungsschrauben werden durch
Dampfhämmer eingetrieben. Bei uns haben sich diese Räder nicht bewährt, ebensowenig
wie die in England viel benutzten Holzscheibenräder (Abb. 278), nach ihrem Erfinder
Mansell-Räder genannt. Diese trockneten ein, die Schrauben lockerten sich und der
Bestand des Rades war gefährdet. Bei sorgfältiger Herstellung besitzen sie gleich den
Papierrädern eine größere Elastizität als die Eisenräder, infolgedessen fährt es sich auf
ihnen weicher, auch dröhnen sie nicht wie letztere. Vielfach sind auch geschmiedete und
gewalzte Scheibenräder aus Fluß- oder Schweißeisen in Benutzung.
Die Räder müssen der Sicherheit wegen aus ihren Achswellen fest sitzen; sie werden
deshalb unter sehr hohem Drucke — mindestens 50 000 kg — auf diese aufgepreßt,
wozu kräftige Wasserdruckpressen benutzt werden. Ihre Achszapfen müssen ferner besonders
gut in Ölung gehalten werden, machen sie doch bei einem Schnellzuge bis 500 Um
drehungen in der Minute. Um sie bequem untersuchen und ölen zu können, werden sie
nach Abb. 279 außerhalb der Räder angeordnet. Von welcher wirtschaftlichen Be
deutung diese Ölung ist, erhellt wohl schon daraus, daß allein auf den preußischen
276. KchmieLrisernes Kpeichrnrad. 277. Papierrad von Allen. 278. Jjaijrnb, Bauart Mansell.
Staatsbahnen jährlich mehrere Millionen Mark für Schmieröl aufgewendet werden
müssen. Bei mangelhaftem Ölen laufen die Zapfen bald warm, und der betreffende
Wagen („Heißläufer") muß aus dem Zuge entfernt werden. Tritt dieses beispielsweise
zur Nachtzeit an einem Schlafwagen ein, so ist die Störung für die Reisenden keine
geringe — kleine Ursach', große Wirkung. Die Lagergehäuse dieser Zapfen, Achsbuchsen
genannt, sind seit dem Bestehen der Eisenbahnen das Schmerzenskind der Eisenbahn-
Ingenieure gewesen. So viele Hunderte von Abarten auch erdacht und erprobt, so viele
Millionen ihre Einführung und ihr Ersatz auch schon gekostet hat, noch haben wir trotz
aller neuzeitlichen Verbesserungen keine Bauart, die allen Ansprüchen des Betriebes
genügt. Hier steht dem Erfinder noch immer ein lohnendes Gebiet offen.
Radreifen. Als 1827 Wood in England die schmiedeisernen Radreifen erfand,
war für den wirtschaftlichen Betrieb der Eisenbahnen ein namhafter Fortschritt zu ver
zeichnen. Mußten vordem die ganzen Räder nach Abnutzung der Laufflächen erneuert
werden, so beschränkte sich dieses hinfort nur noch auf den dünnen Reifen, der zudem
zäher und haltbarer, somit betriebssicherer war als das gußeiserne Rad. Anfangs wurden
die Reifen aus vorgewalzten Schmiedeisenstäben zusammengeschweißt. Schweißstellen
sind stets schwache Punkte und geben zu Brüchen Anlaß; Reifenbrüche veranlassen aber
Entgleisungen. Die schmiedeisernen Reifen wurden seit 1850 durch solche aus Puddel-
stahl ersetzt, die aber schon wenige Jahre später mit dem Aufblühen der Flußstahl
fabrikation durch die Flußstahlreifen ohne Schweißung allgemein verdrängt wurden.
Alfred Krupp in Essen gelang es nach vielen, zuerst an einem Bleiring angestellten Ver
suchen 1853 die ersten ungeschweißten „Gußstahlreifen" im Walzverfahren herzu-