Contents : Lebenserinnerungen

nicht  blosS  eine  äußere  Ünöerung,  sondern  eine  völlige  Wandlung
bedeute.
Sair  Philosophie  war  damals  dort  wenig  Interesse.  Linige  Vorlesungen ­
  waren  stark  besucht,  aber  von  eigenem  Leben  war  wenig
zu  verspüren.  Die  politischen  und  nationalen  Interessen  standen
im  Vordergründe.  Der  Rückschlag  gegen  die  spekulative  Philosophie ­
  war  noch  in  voller  Wirkung,  man  hörte  manchen  geringschätzigen ­
  Liusdruck  über  die  Philosophie.  Von  den  Denkern  hatte
wohl  Lchopenhauer  die  meisten  freunde,  vor  Kant  hatte  man  einen
großen  Kespekt,  später  gewann  Hartmann  viel  Interesse,  und  es
entwickelte  sich  im  Neukantianismus  (3%  LI.  Lange)  eine  eigentümliche ­
  Denkweise.
Zwischen  Professoren  und  Ltudenten  bestand  das  beste  Verhältnis. ­
  Wir  hatten  die  größte  Hochachtung  für  unsere  Lehrer,  und  sie
waren  uns  gegenüber  durchaus  freundlich  und  gütig,  aber  man  vergaß ­
  nie  den  weiten  Unterschied,  welcher  die  erst  Lernenden  von  den
Lpitzen  der  Forschung  trennte.  Ls  fiel  uns  nicht  ein,  mit  ihnen  auf
dem  5ätß  der  gleichheit  zu  verkehren.  Vuch  lag  es  der  damaligen  Zeit
fern,  eine  Mitwirkung  in  akadeniifchen  Llngelegenheiten  zu  erstreben.
Die  einen  waren  vornehmlich  mit  dem  korporativen  Leben  der  Verbindungen, ­
  die  anderen  mehr  mit  der  wissenschaftlichen  Llrbeit  beschäftigt. ­
  Die  Forschung  galt  entschieden  als  die  Hauptsache  des
ganzen.  Daß  die  Zahl  der  Ltudenten  weit  geringer  war  als  fetzt,
mußte  den  Lharakter  des  ganzen  persönlicher  gestalten.
Das  damalige  studentische  Leben  hatte  weit  weniger  gliederung
als  das  fetzige.  Die  Ltudentenschaft  keilte  sich  in  Korps,  Burschenschaften ­
  und  Vichtinkorporierte.  Unter  diesen  bildeten  die  sogenannten ­
  „Blasen"  festere  Verbindungen.  Oie  Hauptstellung  hakten
damals  die  Korps,  deren  es  sieben  gab.  Burschenschaften  und
Vichtverbindungs-Ltudenten  gingen  in  mannigfachen  tragen  zusammen. ­
  Ligentümlich  war  es,  daß  die  Kräfte  der  verschiedenen
Dichtungen  sich  auf  einem  harmlosen  gebiete  miteinander  maßen.
£s  bestand  damals  ein  literarisches  Museum,  das  Lesezimmer  und
gefellschaftszimmer  besaß,  auch  Vergnügungen,  namentlich  Bälle,
veranstaltete.  Die  Ltudenten  hakten  das  Kecht,  außerordentliche
Mitglieder  zu  werden,  und  ihre  Vertreter  durften  die  Leitung  der
Bälle  übernehmen.  Lo  entstand  die  Trage,  welche  Partei  möglichst
viel  Ltimmen  aufbringen  könnte.  Ls  war  ein  eifriges  Wirken  und
Wühlen,  „Keilen";  manche  traten  in  das  Museum  ein,  bloß  um  an
fener  Wahl  teilzunehmen,  gewöhnlich  hatten  die  Korps  die  Mehrzahl. ­
  Lpäter  erschien  es  als  ein  großer  Lieg,  als  die  Vichtkorpsstudenten
  zeitweilig  die  Lache  an  sich  nahmen.
Ich  selbst  hatte  mich  von  LInfang  an  einer  freieren  Verbindung,
der  „Crista",  angeschlossen.  Ls  wurde  mir  aber  bald  klar,  daß
            
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