Full text : Lebenserinnerungen

zwischen;  leicht  konnte  man  bei  einiger  gewandtheit  selbst  den
Lauf  des  L)  amens  leiten..  v.  Leutfch  war  der  eingefleischte  Philologe, ­
  dem  der  Philologe  allen  anderen  Menschen  voranging.  Leine
Vorlesungen  waren  sehr  gründlich,  aber  leider  zu  weitschweifig.
Lr  behandelte  die  Ltudenten,  falls  sie  tüchtige  Philologen  waren,
sehr  liebenswürdig,  und  er  lud  öfter  kleine  Kreise  seiner  Zuhörer  zum
Llbendessen  ein,  was  damals  in  göttingen  etwas  Besonderes  war.
Zu  Lotze,  der  zweifellos  der  bedeutendste  Denker  jener  Jahrzehnte ­
  war,  habe  ich  kein  näheres  Verhältnis  gewonnen.  Leine
Vorlesungen  waren  ausgezeichnet  durch  Wissen,  Klarheit  und
Lchärfe.  Über  sie  waren  zu  technisch  für  die  meisten  Zuhörer  und
sie  boten  mir  nicht  viel  für  die  Probleme,  welche  mich  erfüllten.
Meine  erste  philosophische  Vorlesung  habe  ich  bei  ihm  überKeligionsphilosophie
  gehört.  Ls  wurden  in  ihr  die  verschiedenen  gedankengänge
  scharfsinnig  entwickelt,  aber  ich  vermiete  durchgehende  graste
Linien,  und  es  schien  mir  oft,  als  ob  er  dem  Lcharfsinn  zu  viel
zutraute.  Wir  waren  feinen  gründen  nicht  gewachsen,  aber  sie
überzeugten  uns  nicht  vollauf.  Die  Psychologie  galt  für  sein
Hauptkolleg,  sie  gab  eine  ausgezeichnete  Einführung  in  die  Probleme. ­
  Ich  habe  diesem  hervorragenden  Denker  in  smeiner  Vorstellung ­
  sicherlich  oft  unrecht  getan,  aber  ich  konnte  für  mich  nicht
das  gewinnen,  was  mir  die  Hauptsache  war:  eine  feste  Lebensrichtung. ­
  Jene  Philosophie  war  für  mich  zu  sehr  eine  gelehrtenphilosophie,
  die  das  ganze  des  gemeinsamen  Lebens  zu  wenig  berührte ­
  und  bewegte.  Dazu  kam  ein  eigentümliches  Lrlebnis,  welches
ich  beim  Doktorexamen  hatte.  Dieses  Lfamen  habe  ich  nicht  in  der
Philosophie  abgelegt,  sondern  in  der  klassischen  Philologie  und  in
der  alten  geschichte.  Ober  ich  hatte  mich  Lotze  als  einem  Mitglied
der  Prüfungskommission  vorzustellen.  Ich  berichtete  ihm  dabei
über  meine  aristotelischen  Forschungen  und  bat  ihn  um  sein  Interesse ­
  dafür.  Über  er  erklärte  die  Beschäftigung  mit  jenem  Denker
für  unfruchtbar.  Lr  meinte,  seine  Metaphysik  und  seine  Psychologie
enthielten  ohne  Zweifel  graste  Wahrheiten,  aber  die  Lchriften  seien
zu  schlecht  überliefert,  als  dast  man  sie  genügend  verstehen  könne;
die  Lthik  des  Qristoteles  aber  sei  unbedeutend,  da  möchte  er  lieber
einen  guten  französischen  Vornan  lesen.  Das  war  ohne  Zweifel  ein
augenblicklicher  Linfall  jenes  Denkers,  eine  paradoxe,  die  nicht  so
ernst  gemeint  war,  die  mich  aber,  der  ich  allen  Lifer  und  alle  Hingebung ­
  an  diese  Lache  gewandt  hatte,  verletzte.  Dast  ich  ihn,  den
man  mit  gutem  Kecht  den  modernen  Leibniz  genannt  hat,  als  einen
führenden  Denker  schätze,  das  bedarf  keines  Wortes.  Luch  anerkenne
ich  vollauf  das  gute  Kecht  und  die  Bedeutung  einer  solchen  gelehrtenphilosophie,
  aber  ich  meine,  dast  die  Philosophie  nicht  in  sie  aufgehen ­
  darf,  namentlich  wenn  eine  so  zerrissene  und  eines  festen
            
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