Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

1. Der Übergang Deutschlands vom Agrarstaate zum Industriestaate. 357 
Produktion darstellt. Kier liegt ein Wachsen der Aufnahmefähigkeit des inneren 
Marktes der deutschen Volkswirtschaft vor, das aber aus den vorhin erörterten primären 
Ursachen der wachsenden Industrialisierung und auch aus der Zunahme des Volkswohl 
standes, die einen steigenden Teil des Einkommens für Industrieerzeugnisse auszugeben 
gestattete, allein nicht erklärt werden kann. So sehr diese Erscheinung vom Stand 
punkte des Exporündustriesystems ein unlösbares Rätsel bleibt, so einfach gestaltet sich 
ihre Erklärung vom Standpunkte des Exportkapitalismus aus. Deutschland war bis 
nach der Mitte des Jahrhunderts ein kapitalarmes Land, und einen großen Teil des 
Kapitals, das es zum Bau seiner Eisenbahnen und der städtischen Pferdebahnen, 
für Gas- und Wasserwerke und andere Unternehmungen brauchte, lieh es damals von 
seinen reicheren Nachbarstaaten im Westen, insbesondere von England und Belgien. 
Infolgedessen mußte es dem Auslande Zinsen bezahlen. Die Ausgleichung solcher 
Forderungen geschieht aber bekanntlich in der Regel nicht durch bares Geld, sondern 
durch Warensendungen. Bis 1870 ist die deutsche Handelsbilanz daher meist akttv, 
sie zeigt einen Überschuß der Warenausfuhr über die Wareneinfuhr. Nach dem 
Deutsch-Französischen Kriege schlägt dieses Verhältnis in sein Gegenteil um, zunächst vor 
allem unter dem Einfluß der Kriegskostenentschädigung von 5 Milliarden, die Frank 
reich an Deutschland zu zahlen hatte, und die einen gewaltigen Warenstrom nach 
Deutschland führte, später namentlich infolge des Amstandes, daß sich Deutschland 
immer mehr aus einem Schuldnerstaat in einen Gläubigerstaat umwandelt. Namentlich 
seit dem Ende der achtziger Jahre wird die Auswanderung deutschen Kapitals in das 
Ausland eine ganz regelmäßige und stetig größere Bedeutung gewinnende Erscheinung. 
Durch die Zinsenansprüche, die Deutschland für das geliehene Kapital an das Ausland 
zustehen, ist seine Handelsbilanz immer stärker passiv geworden. In den letzten Jahren 
des Jahrhunderts betrug die Spannung zwischen dem Einfuhrüberschuß bei Lebens 
mitteln, sowie indtlsttiellen Rohstoffen und dem Ausfuhrüberschuß bei Fabrikaten über 
1 Milliarde Mark (1077,5 Millionen Mark). Zur Bezahlung dieses Defizits des 
deutschen Außenhandels stand aber neben den Einnahmen der Reederei und der See 
versicherung usw. nach Schätzung von sachverständiger Seite ein Zinsguthaben Deutsch 
lands an das Ausland von etwa 7—800 Millionen Mark zur Verfügung. Dieses 
Zinsguthaben fließt Deutschland regelmäßig in Gestalt von ausländischen Nahrungs 
mitteln und Rohstoffen für die Industrie zu. ünd Deutschland erhält auf diese Weise 
durch das im Auslande in den verschiedensten Formen angelegte deutsche Kapital die 
Möglichkeit zur Anterhaltung einer größeren industriellen Bevölkerung, als es sonst 
ernähren könnte. Erst die wachsende Anlage deutscher Kapitalien im Auslande hat 
uns also instandgesetzt, einen großen Teil der industriellen Arbeiterschaft für die 
Bedürfnisse des inländischen Marktes zu beschäftigen, statt ihn Exportwaren Herstellen 
zu lassen. Allein zugleich ergibt sich hieraus, daß das Steigen der Aufnahmefähigkeit 
des inneren Marktes in diesem Falle keine Zunahme der wirtschaftlichen Selbständigkeit 
Deutschlands, sondern im Gegenteil sich steigernde Abhängigkeit vom Auslande bedeutet.
	        
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