58
4
4
»
behauptet wird, die Gesellschaften selbst, d. h. ihre Aktionäre,
sondern in erster Linie die Versicherten. Es wird nur zu oft,
wenn man in bezug auf Versicherungsunternehmungen schlecht
hin von „Erwerbsgesellschaften“ spricht, vergessen, daß neben
den Aktiengesellschaften Gegenseitigkeitsvereine in weitem Um
fange tätig sind. Nach der Statistik des kaiserlichen Auf
sichtsamtes für Privatversicherung für das Jahr 1910 waren
z. B. bei 41 großen Lebensversicherungsuntemehmungen in der
Kapitalversicherung auf den Todesfall, den Erlebensfall und in
der Rentenversicherung 2 838 784 Policen in Kraft, die auf
11 890,4 Millionen Mark Versicherungssumme lauteten. Hier
von waren bei 14 großen Gegenseitigkeitsvereinen nicht we
niger als 1 148 816 Policen über 5269,6 Millionen Mark ge
nommen. Fast die Hälfte des gesamten Versicherungsbestan-
des in der großen Lebensversicherung befindet sich demnach
in Händen von Gegenseitigkeitsanstalten, bei denen keinerlei
Aktionärdividende erwirtschaftet zu werden braucht, die ge
samten Überschüsse vielmehr den Versicherten zugute kom
men. Aber auch bei jenen 27 Aktiengesellschaften treten die
Aktionärinteressen weit hinter die der Versicherten zurück.
Die Art der Gewinnverteilung zeigt dies klar. Vom Gesamt
gewinn in Höhe von 85,29 Millionen Mark, den jene Gesell
schaften im Jahre 1910 erzielten, erhielten die Versicherten
67,9, die Aktionäre nur 7,29 Millionen Mark. Die Versicherten
empfingen demnach rund 80o/o, die Aktionäre nur 8o/o. Hieraus
folgt, daß auch bei den Aktiengesellschaften der Nutzen der
weiter oben geschilderten Kapitalanlagepolitik in erster Linie
den Versicherten zugute kommt.
Wenn von anderer Seite als weiteres Bedenken gegen
die Bevorzugung der hypothekarischen Anlage durch die Ver
sicherungsgesellschaften hervorgehoben wird, es sei wenig
ratsam, bei der Vermögensanlage einseitig zu verfahren und
alles auf die eine Karte des Hypothekenmarktes zu setzen, 1 )
so mag diese Bemerkung für Sparkassen und Banken zu
treffend sein, für Lebensversicherungsgesellschaften ist sie es
nicht. Gewiß ist auch der Hypothekenmarkt keineswegs vor
*) von Dombois, a. a. O. S. 76.