5171 Die neuere Konkurrenzregulierung. 59
Kolonisation, in die großstädtischen Wohnungsverhältnisse durch Expropriation, Baupolizei,
Bau von Arbeiterwohnungen und Kreditmaßregeln ein. Der Arbeiterverficherungszwang,
das größte Stück der neueren deutschen Socialpolitik, ist auch ein tiefer Eingriff in
die wirtschaftliche Freiheit. Die Versuche einer Börsenreform, ob gelungen oder nicht,
wollten in verstärktem Maße eine gewisse Konkurrenzregulierung der Börsengeschäfte
durchführen, wie sie von den Selbstverwaltungsorganen der Kaufmannschaft seit zwanzig
Jahren in Deutschland angebahnt worden war.
Das neue Patentrecht, der gesetzliche Schutz gegen Nachdruck, der Schutz der
Muster und Marken, der Schutz der Warenzeichen, die Gesetzgebung über den Feingehalt
von Gold-⸗ und Silberwaren, sie schließen alle gewisse Arten der Konkurrenz aus, stellen
gewisse illoyale Verfahrungsarten unter Strase, vermindern das Übermaß des Kon—
kurrenzdruckes für gewisse Zeit und gewisse Geschäfte. Die Bekämpfung des unlauteren
Wettbewerbs steht allerwaäͤrts auf der Tagesordnung, sie hat in der französischen
Judikatur längst eine systematische Ausbildung erhalten; das deutsche Gesetz, das am
1. Juli 1896 gegen ihn in Kraft trat, bekaͤmpft die schwindelhafte und verlogene
Reklame, die Qualitätsverschleierungen, die unlautere Herabwürdigung von Konkurrenten,
die Spekulation auf Täuschung des Publikums durch Firmenschwindel, d. h. Benutzung
halb geänderter Firmennamen, sowie den Verrat von Geschäfts- oder Betriebsgeheim
nissen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Dinge ins einzelne zu verfolgen. Es
handelte sich nur darum, zu zeigen, wie von den verschiedensten Seiten her heute not—
wendige und heilsame Schranken dem ganz freien Getriebe der Konkurrenz gesetzt
werden. Sie suchen teilweise überhaupt den Spielraum der Konkurrenz einzuengen (wie
die Schutzzölle, die Kartelle, die Konzessionierung gewisser Anstalten und Betriebe),
teilweise und viel mehr die Art der Konkurrenz zu regulieren, nur die anständigen Mittel
und Wege zuzulassen, den Druck der Konkurrenz aus einem auf Billigkeit der Preise
zerichteten in einen auf bessere Qualität zielenden zu verwandeln.
Nirgends soll der Wettbewerb ganz ausgeschlossen, der Kampf ums Dasein be—
seitigt werden. Die Konkurrenz und die aus ihr folgenden Handlungen haben auch
heute noch und werden in aller Zukunft einen weiten Spielraum der Freiheit behalten.
Er wird immer wieder um so freier gestaltet werden können, je anständiger und reeller
das Geschäftsleben wird. Aber da dies immer nur bis auf einen gewissen Grad ge—
schehen kann, da in Zeiten großen technischen und volkswirtschaftlichen Fortschrittes,
in Zeiten siegender Weltwirtschaft und großer Spekulation auch alle gemeinen Leiden⸗
schasten und Triebe zeitweise wachsen, so wird nur das Volk dauernd auf der Höhe
bleiben, das in solcher Zeit sich erinnert, daß die rücksichtslose Erwerbssucht gebändigt,
daß die Wogen des Konkurrenzdruckes in die rechten Kanäle geleitet, mit den Schranken
umgeben werden müssen, welche den großen sittlichen Lebensbedingungen der Gesellschaft,
der harmonischen Entwickelung der wirtschaftlichen Kräfte und Klassen entsprechen.
Eine solche Entscheidung über die heute innezuhaltende Grenzlinie zwischen freier
Konkurrenz und Konkurrenzregulierung ist nicht so einfach anzuwenden wie die, welche
der Manchestermann, und die, welche der Socialist giebt; der erstere erklärt, jede
Steigerung der Konkurrenz sei gut, der letztere, alle wirtschaftliche Marktkonkurrenz
müsse beseitigt werden. Aber beides sind abstrakt doktrinäre Entscheidungen, mit denen
im praktischen Leben nichts zu machen ist. Wer auf unsern Standpunkt sich stellt,
muß für jede einzelne praktische Entscheidung zweierlei kennen und richtig beurteilen;
den allgemeinen Gang der gefunden wirtschaftlich-kechnischen und moralisch⸗politischen
Entwickelung und die konkreten Kräfte, Strebungen und Verhältnisse des Specialgebietes,
um das es sich handelt. Danach wird er für freie Bewegung oder Regulierung sich
entscheiden. Es wird oft nicht leicht sein. Aber das gilt' für alle praktischen Maß—
nahmen der Politik. Es handelt sich in ihr fast stets um ein richtiges Kompromiß
zwischen entgegengesetzten an sich gleichberechtigten Principien, aus deren Gegeneinander—
wirken, aus deren abwechselnder Bevorzugung und Zurückdrängung die gesunde Ent—
wickelung entspringt. —