Full text : Schutz dem Arbeiter!

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tunten  gegenüber  das  »Wohlwollen«  zn  Rathe  zöge,  anstatt  nüchterner  Berechnungen?
Kann  er  es  dem  Lieferanten  eines  andern  nothwendigen  Productionsmittels,  der  Arbeit,
gegenüber  anders  thun?  ')  Im  Laufe  der  Entwickelung  kam  vielmehr  der  Arbeitgeber  zur

')  Dr.  von  Schulze-Gaevernitz  stellt  sich  mit  diesen  Ausführungen  consequent
auf  den  Standpunkt  des  Manches«erthnms  —  „unbeschadet  der  weitern  und  Hähern
Pflichten"  des  Arbeitgebers  „gegenüber  der  Gesellschaft".  Wir  wissen  nicht,  wie  Herr  Dr.
ļ’on  Schulz  e-G  never  nit;  das  Verhältniß  des  ersten  und  zweiten  Salzes  sich  denkt.
Es  herrscht  vielfach  die  Anschauung,  als  ob  „Wohlwollen"  und  „Wohlfahrtsb
  e  st  r  e  b  u  n  g  c  n"  immer  oder  auch  nur  in  der  Regel  au  f  Ko  st  e  n  d  e  r  „F  r  e  ih  eit"
und  „Gerechtigkeit"  gingen  —  ein  Standpunkt,  den  wir  doch  nachdrücklichst  zurückweisen ­
  möchten.  Wir  Plaidiren  seit  Jahren  für  „Wohlfahrts-Einrichtungen"
und  „Fürsorge"  für  die  Arbeiter,  aber  wahrlich  nicht  in  dem  Sinne,  um  die  Arbeiter  zu
binden,  ihnen  die  volle  Verwerthung  ihrer  Arbeitskraft  zu  verschränken,  Almosen ­
  und  „Wohlthat"  anstatt  des  „Rechtes"  zu  bieten.  Wir  kennen  auch  eine  große
ña  bl  von  Arbeitgebern,  die  an  einen  „Dank"  in  bent  Sinne,  daß  nun  der
Arbeiter  auch  nur  einen  Groschen  weniger  Lohn  verdienen  solle  resp.  beanspruchen
dürfe,  als  den  Verhältnissen  des  „Arbeitsmarktes"  entspricht,  nie  gedacht  haben,  die  vielmehr ­
  ihre  erste  und  wichtigste  Aufgabe  darin  erblicken,  den  Arbeitern  einen  ausreichenden, ­
  stetigen  Lohn  zu  sichern,  —  nicht  bloß  den  gerechten  Antheil  in  aufsteigenden
  Wirthschaftsperioden  ehrlich  zu  gewähren,  sondern  denselben  auch  über  die
schlechten  Zeiten  nach  Möglichkeit  hinwegzuhelfen.  Arbeitgeber  und  Arbeiter  stehen  sich  nicht
(bloß)  gegenüber  wie  Käufer  und  Verkäufer;  der  Arbeitgeber  schuldet  den  Arbeitern  mehr
als  den  „marktgängigen  Preis"  und  umgekehrt.  Persönliche,  menschliche  Beziehungen
lolle»  beide  verbinden  —  so  entspricht  es  dem  natürlichen  Gefühl,  so  ist  es  christliche
Pflicht.  „Gerechtigkeit"  und  „Liebe"  schließen  sich  nicht  aus.  Wohlwollen  und  Treue
smd  Tugenden,  die  man  nicht  aus  der  Gesellschaft  verbannen  sollte.  Man  soll  nicht  in
der  Bekämpfung  des  einseitig  patriarchalischen  Standpunktes  nun  in  allen  WohlfahrtsEinrichtungen ­
  bewußte  oder  unbewußte  Attentate  auf  die  Freiheit  und  selbständige  Bewegung ­
  der  Arbeiter  wittern,  die  besten  Absichten  mißdeuten,  und  dem  Arbeitgeber  jedes
wahre  ideale  Streben  verleiden  —  um  so  weniger,  als  wir  die  englischen  Arbeiter-Organisationen ­
  noch  nicht  haben.
Wir  meinen,  die  ehrliche  Anerkennung  der  vollen  Gleichberechtigung  der
Arbeiter  bei  Schließung  des  Arbeitsvertrages  und  das  Gefühl  der  Pflicht  und  der  Verantwortung ­
  des  durch  Intelligenz,  gesellschaftliche  Stellung  und  Einfluß  höher  stehenden
Arbeitgebers  schließt  sich  nicht  nus.^  In  der  Verbindung  des  „patriarchalisch"-deutschen
und  des  „demokratisch"-englischen  Standpunktes  liegt  die  Lösung.
.  Was  speciell  die  Lohnfrage  anbelangt,  so  „wird  derjenige  Arbeitgeber,  welcher
seine  Bestrebungen:  die  Arbeiter  zur  Sparsamkeit  zu  erziehen,  denselben  eine  ausreichende ­
  Wohnung  zu  verschaffen,  sieŞvor  Roth,  vor  Inanspruchnahme  der  Armenpflege ­
  zu  bewahren  :c.,  mit  Erfolg  gekrönt  sieht,  um  so  freudiger  die  Hand  bieten,
durch  gute  Löhne  die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  auch  noch  weiter  zu  heben.
Bethätigung  des  Wohlwollens  auf  dem  einen  Gebiete  weckt  und  fördert  die  Freude  am
Schaffen  auch  ans  andern  Gebieten.  Wer  für  Wohlfahrts-Anstalten  nichts  übrig  hat,
wird  jedenfalls  auch  nicht  mehr  an  Löhnen  zahlen,  als  er  durch  die  Concurrenz  zu
zahlen  gezwungen  ist,  wer  dagegen  seine  persönliche  Theilnahme  den  Arbeitern
und  ihren  Familien  zuwendet,  wer  Gelegenheit  nimmt,  Einblick  in  deren  Verhältnisse  zu
Nehmen,  wird  auch  alles  aufbieten,  den  Arbeitern  durch  gute  Löhne  die  Sorgen  zu  erleichtern, ­
  denselben  auch  ihren  Antheil  an  den  Freuden  des  Lebens  zu  sichern.
„Im  Uebrigen  bedarf  es  wohl  kaum  der  weitern  Ausführung,  daß  wir  (mit  Herrn
Oechelhäuser,  in  der  allmäligen.  nachhaltigen  Steigerung  des  Lohnniveau's ­
  das  —  oder  wenigstens  ein  —  Hanptmoment  in  der  Lösung  der  socialen
Frage  erblicken.  »Das  Streben  nach  einer  solchen  allmäligen  Erhöhung  der  Löhne  ist  also
von  Seiten  der  Arbeiter  ein  vollständig  berechtigtes,  so  weit  es  die  dem  Arbeitgeber ­
  duich  die  Eoncurrenz  gezogenen  Grenzen  achtet,  und  es  ist  unabweisbare
Pflicht  des  Arbeitgebers,  demselben  so  weit  zu  entsprechen,  wie  es  die
Rücksicht  auf  Gegenwart  und  Zukunft  seines  Unternehmens  nur  gestaltet.  Dem  denkenden
            
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