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vertrage die Industrie mit ihren Wünschen nicht in vollgenügendem Maaße zu
Geher gekommen ist, und das; die Berathung der Verträge im Reichstag in über
stürzter Eile stattgefunden bat- Es erscheint der Wunsch gerechtfertigt, daß vor
dem Abschluß von Handelsverträgen den Interessenten angemessene Gelegenheit
geboten wird, ihre Ansichten und Wünsche der Reichsregierung zur Prüfung und
zu thunlichfter Berücksichtigung zur Kenntniß zu bringen. Wir sieben aber jetzt
bezüglich der neuen Handelsverträge einer unabänderlichen Thatsache gegenüber,
bezüglich deren wir mir wünschen können, daß ihre nachtheiligen wirthschaftlichen
Folgen einigermaßen in anderen Beziehungen, besonders in politischen, eine Com
pensation finden werden. Namentlich verkennen wir nicht, daß diese Verträge
einem allgemeinen Zollkriege vorbeugen und eine gewisse Thätigkeit der inter
nationalen zollpolitischen Beziehungen der Vertragsstaaten sichern. Hierbei setzen
wir aber voraus, daß die Reichsregierung die auf eine weitere Verringerung des
Schlitzes der nationalen Arbeit hinzielenden Bestrebungen der Freihändler, welche
neuerdings wieder lebhafter hervortreten, mit Entschiedenheit zurückweisen wird,
damit die schon jetzt schwer bedrohte Stellung der Teutschen Industrie im inter
nationalen Wettbewerb nicht noch mehr geschwächt wird. Die mehrfach vertretene
Ansicht, es dürfte die durch die Handelsverträge angebahnte Entwicklung im Laufe
der Zeit die europäischen Staaten zu einem engeren wirthschaftlichen Zusammen
schluß führen gegenüber den mit Weltherrjchaftsplänen sich tragenden Ländern
Rußland und Nordamerika, läßt sich wenigstens zur Zeit noch nicht auf ihre
Richtigkeit prüfen."
Handelskammer zu Tortmund.
„Tic Handelsverträge, das wirthschaftlich bedeutendste Ereigniß des Jahres,
haben bekanntlich eine sehr verschiedene Beurtheilung erfahren. Die See- und
Handelsstälte haben dieselben vorbereiten Helsen und nach ihrem Jnslebcntreteu
freudig begrüßt, schon wegen der positiven Erleichterungen, mit denen sie sofort
eine Reihe wichtiger Einfuhrwaaren bedacht haben — taxirt man doch den Aus
fall an Zolleinnahmen auf.30 bis 40, ja sogar auf 50 bis 70 Mill. Mark im
Jahr. Mehr aber noch als die sofortigen Zollherabsetzungen hat in jenen Kreisen
die Auffassung mit Genugthuung erfüllt, daß man es hier mit einer Abschlags
zahlung, mit einer Umkehr in der Handelspolitik, einer Wiederaufnahme des
seit 187!» verlassenen Freihandelssystems nach englischem Muster zu thun babe,
eine Auffassung, für die sic vieles anzuführen vermochten. Wenn von maßgebender
Stelle auf die Befürchtungen der Landwirthe und Industriellen wegen weiterer
Zollermäßigungen während der 12jährigen Dauer der Verträge die Antwort
ertheilt wurde: „Keine Regierung könne wissen, was sie in 12 Jahren thun werde",
so mußte bei der unbestreitbaren Richtigkeit dieses Axioms dessen Anwendung
gerade bei der Befürwortung und Vertretung eines auf genau 12 Jahre abzu
schließende» wichtigen Vertrages immerhin beunruhigend wirten. Die Handels
kammer glaubt daß jene Hoffnungen und diese Befürchtungen zu weit gehen, sie
glaubt, daß Landwirthschaft und Industrie in dieser Hinsicht über die derzeitigen
Absichten der Kaiserlichen Reichsregierung beruhigt sein dürfen, und ist der Meinung,
daß verschiedene von maßgebender Stelle abgegebene, beruhigende, öffentliche Ant
worten die Bedeutung einer Garantie für dte Stetigkeit unserer Zollverhaltnisse
auch nach unten wohl baden können.