Full text: Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

31 
vertrage die Industrie mit ihren Wünschen nicht in vollgenügendem Maaße zu 
Geher gekommen ist, und das; die Berathung der Verträge im Reichstag in über 
stürzter Eile stattgefunden bat- Es erscheint der Wunsch gerechtfertigt, daß vor 
dem Abschluß von Handelsverträgen den Interessenten angemessene Gelegenheit 
geboten wird, ihre Ansichten und Wünsche der Reichsregierung zur Prüfung und 
zu thunlichfter Berücksichtigung zur Kenntniß zu bringen. Wir sieben aber jetzt 
bezüglich der neuen Handelsverträge einer unabänderlichen Thatsache gegenüber, 
bezüglich deren wir mir wünschen können, daß ihre nachtheiligen wirthschaftlichen 
Folgen einigermaßen in anderen Beziehungen, besonders in politischen, eine Com 
pensation finden werden. Namentlich verkennen wir nicht, daß diese Verträge 
einem allgemeinen Zollkriege vorbeugen und eine gewisse Thätigkeit der inter 
nationalen zollpolitischen Beziehungen der Vertragsstaaten sichern. Hierbei setzen 
wir aber voraus, daß die Reichsregierung die auf eine weitere Verringerung des 
Schlitzes der nationalen Arbeit hinzielenden Bestrebungen der Freihändler, welche 
neuerdings wieder lebhafter hervortreten, mit Entschiedenheit zurückweisen wird, 
damit die schon jetzt schwer bedrohte Stellung der Teutschen Industrie im inter 
nationalen Wettbewerb nicht noch mehr geschwächt wird. Die mehrfach vertretene 
Ansicht, es dürfte die durch die Handelsverträge angebahnte Entwicklung im Laufe 
der Zeit die europäischen Staaten zu einem engeren wirthschaftlichen Zusammen 
schluß führen gegenüber den mit Weltherrjchaftsplänen sich tragenden Ländern 
Rußland und Nordamerika, läßt sich wenigstens zur Zeit noch nicht auf ihre 
Richtigkeit prüfen." 
Handelskammer zu Tortmund. 
„Tic Handelsverträge, das wirthschaftlich bedeutendste Ereigniß des Jahres, 
haben bekanntlich eine sehr verschiedene Beurtheilung erfahren. Die See- und 
Handelsstälte haben dieselben vorbereiten Helsen und nach ihrem Jnslebcntreteu 
freudig begrüßt, schon wegen der positiven Erleichterungen, mit denen sie sofort 
eine Reihe wichtiger Einfuhrwaaren bedacht haben — taxirt man doch den Aus 
fall an Zolleinnahmen auf.30 bis 40, ja sogar auf 50 bis 70 Mill. Mark im 
Jahr. Mehr aber noch als die sofortigen Zollherabsetzungen hat in jenen Kreisen 
die Auffassung mit Genugthuung erfüllt, daß man es hier mit einer Abschlags 
zahlung, mit einer Umkehr in der Handelspolitik, einer Wiederaufnahme des 
seit 187!» verlassenen Freihandelssystems nach englischem Muster zu thun babe, 
eine Auffassung, für die sic vieles anzuführen vermochten. Wenn von maßgebender 
Stelle auf die Befürchtungen der Landwirthe und Industriellen wegen weiterer 
Zollermäßigungen während der 12jährigen Dauer der Verträge die Antwort 
ertheilt wurde: „Keine Regierung könne wissen, was sie in 12 Jahren thun werde", 
so mußte bei der unbestreitbaren Richtigkeit dieses Axioms dessen Anwendung 
gerade bei der Befürwortung und Vertretung eines auf genau 12 Jahre abzu 
schließende» wichtigen Vertrages immerhin beunruhigend wirten. Die Handels 
kammer glaubt daß jene Hoffnungen und diese Befürchtungen zu weit gehen, sie 
glaubt, daß Landwirthschaft und Industrie in dieser Hinsicht über die derzeitigen 
Absichten der Kaiserlichen Reichsregierung beruhigt sein dürfen, und ist der Meinung, 
daß verschiedene von maßgebender Stelle abgegebene, beruhigende, öffentliche Ant 
worten die Bedeutung einer Garantie für dte Stetigkeit unserer Zollverhaltnisse 
auch nach unten wohl baden können.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.