tbeilungen über die summarische Behandlung so wichtiger, in die Geschicke dee
deutschen Erwerblcbens tief einschneidender Fragen, wurden allerorten laut und das
Mißvergnügen fand sogar hie und da in der Presse in Angriffen auf die Weiche-
regierung und deren Vertreter Auedruck, denen man Mangel an Umsicht und un
genügende Fühlungnahme mit den Kreisen des Handele und der Industrie zum
Vorwurf machte. Für une lag eine Veranlassung, une derartigen Bewegungen
anzuschließen, um so weniger vor, ale nach Erfahrungen, die wir bei der Be
handlung so mancher von seiten der Regierung an uns gerichteten Anfragen, die
Handelsverträge betreffend, die Ueberzeugung bei uns feststand, daß die Wahr
nehmung der deutschen Interessen in rührigen und durchaus bewährten Händen
lag. Gewiß ist es bedauerlich, daß den Vertragsstaaten nicht größere Zugeständnisse
für die deutsche Industrie abgewonnen sind, und wir sind die letzten, die sich zu
einer Ueberschätzung des für uns Erreichten versucht fühlen. Wir sagen uns aber,
daß dies Erreichte das Erreichbare war, und sinden uns in die unabänderlichen
Thatsachen so gut es geben will. Auch scheint cS uns, daß in denjenigen Kreisen,
die mit Klagen über die Nachtheile der neuen Verträge nicht müde werden, der
Umstand zu wenig Berücksichtigung findet, daß die im Jahre 18ÍH beschlossenen
Handelsabkommen, wie wir schon oben andeuteten, kein fertiges Ganze darstellen,
sondern nur einen Theil des großen Wertes, der Entwickelung des deutschen
Gewerbefleißes durch feste Tarifverträge und Verkehrserleichterungen mit möglichst
allen europäischen Kulturstaaten auf Jahrzehnte hinaus einen gleichmäßigen Unter
bau zu schaffen. Vielleicht wäre es besser, die Hoffnung auf das Gelingen dieser
Aufgabe aufrecht zu erhalten und die wirthschaftliche Zukunft unseres Vaterlandes
mit weniger Eifer grau in grau zu malen, als es gegenwärtig unter dem Einfluß
der Verstimmung über die unvermeidliche Verletzung vieler Einzelinteressen mit
Vorliebe geschieht."
Handelskammer für den Kreis Mülheim am Rhein.
„Der Ablauf der wichtigsten europäischen Zolltarif-Verträge zu Ende des
Jahres 18'.> 1 und 1. Februar 1S92 bildete den Hauptgegenstand der internationalen
Verhandlungen des abgelaufenen Jahres. Deutschland bezw. der deutsche .loll-
verein war dabei besonders betbciligt. Denn obgleich es selbst nur wenige Tarif
verträge abgeschlossen hatte, befand es sich in Folge des ihm von den meisten
europäischen Staaten gewährten MeistbcgünstigungSrechts im Genuß aller Ver-
günstigungen, welche anderen Staaten zugestanden waren, und sab diese mit dem
Ablauf der gekündigten Verträge schwinden. Zu diesem Verluste seiner günstigen
handelspolitischen Position in Europa kam die schärfere Abschließung der Ver-
einigten Staaten Amenta's durch die Mac Kinley-Bill und das Bestreben dieses
Staates, durch Abkommen und Verträge mit den mittel- und südamerikanischen
Staaten seiner Industrie eine bevorzugte Stellung in diesen Ländern zu sichern.
Deutschland stand vor der Wahl, seinen Zolltarif ganz autonom, d. h. nur nach
seinen eigenen Interessen und Bedürfnissen zu gestalten und sich dadurch vollständig
zu isoliren, oder zu versuchen, zunächst mit den ihm auch fonti befreundeten Nachbar
staaten durch den Abschluß neuer Verträge in ein freundliches Verhältniß zu treten.
Es hat diesen letzteren Weg beschritten und nach langen vielfach unterbrochenen
Verhandlungen zunächst mit Oesterreich, Italien, Belgien und der Schweiz neue
Tarifverträge abgeschlossen, welche insofern ein Ganzes bilden, als die in diesen
Verträgen einem einzelnen Staate zugestandenen Zollsätze auch gegenüber den