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unserer Industrie und die dadurch bis zu einem gewissen Grade in den Hinter
grund geschobene Pflege dee Ausfuhrgeschäftes namentlich um deswillen große
Bedenken bat. weil die Aufnahmefähigkeit des Inlandes zwischen gewissen Grenzen
liegt, nach deren Neberschreitung sich die Ueberproduction um so schärfer und nach
haltiger niblbar macht. Die Vorgänge des jetzt hinter uns liegenden Jahres haben
gezeigt, wie enge diese Grenzen sind. Eö gebt daraus weiter zur Genüge hervor
daß die Lebensfähigkeit solcher Jndustrieen. die unter dem Schutze hoher Ab-
sperrungSzölle bis zu einer gewissen Blüthe gebracht werden, sofort sehr in Frage
gettellt oder erschwert wird, wenn sie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen
werden, ein unter dein Zollschutz mit ihren Produkten gesättigtes Absatzgebiet zu
verlassen und sich für den Verkauf ihrer Erzeugnisse andere WirthschastSqebiete
aufzusuchen, wo sie mit den Jndustrieen fremder Länder in Wettbewerb treten
müssen.
„Ist somit das Jahr 1891 hinsichtlich seines praktischen Ergebnisses im Wesent-
lichen als ein Jabr wenn nicht des wirthschaftlichen Rückschrittes, so doch mindestens
des Stillstandes zu bezeichnen, so eröffnet es aber auf der anderen Seile einen
Ansblick von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die fernere Gestaltung unseres
VerkehrS- und Wirthschaftslebens. Es konnte nicht ausbleiben, daß die im Vor
stehenden geschilderten in mannigfacher Wechselwirkung mit einander stehenden
Vorgänge, in Verbindung mit dem Umstande, daß die Neuregelung der zoll-
politischen Beziehungen mit den wichtigsten WirtbschastSgebieten Europas nahe
bevorstand, den Gedanken in verstärttem Maße hervortreten ließen, eben diese Be
ziehungen unter Ausgabe der bis dabin befolgten autonomen Zollpolitik auf dem
Wege internationaler Verständigung iiinzngestalten. Erfreulicher Weise ist nun
dieser Weg, welcher schon Jahre hindurch von der Gesammtheit des Handels und
. Zahlreichen Vertretern der Industrie als der einzig richtige zur Erzielung einer
nachhallige» Gesundung unseres gefainmten Wirthschaftslebens bezeichnet wurde,
endlich auch von der Reichsregierung mit dem Abschluß von Handelsverträgen mit
den wichtigsten Handelsgebieten beschritten worden. Der vor Kurzein erfolgte Ab
schluß dieser Verträge mit Oesterreich-Ungarn, Italien, Belgien und der Schweiz
ist ohne Zweifel nicht nur für Deutschland, sondern für alle europäischen Staaten
ein Act von außerordentlich weitgehender Bedeutung. Letztere ist nicht etwa in
dem besonderen Inhalt der einzelnen Verträge, sondern einzig und allein darin zu
suchen, daß man mit deren Abschluß das System zollpolitischer Absonderung der
einzelnen Staaten von einander verließ und den wirksamen Versuch unternahm,
die Bedingungen, unter denen sich der Güteraustausch von Staat zu Staat voll
zieht, soviel wie möglich zu erleichtern und gemeinsam zu regeln. Neben der offen
baren politischen Bedeutung der Verträge darf auch der Umstand nicht unterschätzt
werden, daß der productiven Arbeit wie dem Güteraustausch auf eine lange Reibe
von Jahren eine feste Unterlage gegeben ist, auf der beide mit größerer Sicherheit
als bisher ihre Berechnungen und Operationen aufbauen können. Daß die ver
einbarten Zollsätze im Einzelnen manche Erwartungen enttäuschten, manche Be-
fnrchtnngen nicht zu beseitigen vermochten und deshalb zu vielfachen Ausstellungen
aus Interessentenkreisen Veranlassung gaben, war vorauszusehen und lag in der
Natur der Lache. Derartige Einwände können und dürfen aber für denjenigen
nicht entscheidend sein, der das Interesse der Gesammtheit höher stellt als das
einzelner Kreise. In diesen, Sinne begrüßen wir den durch die neuen Verträge
eingeleiteten Umschwung in unserer Handelspolitik als eine hocherfreuliche Errungen-