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wendet stolz sich ab mit dem Losungsworte „zum Staatsdienst", be
lagert dessen Pforten nub harrt davor, bis eine, wenn auch nur zu knapper
aber sicherer Existenz führende, sich aufthut.
So nimmt der Nährstand zum Erschrecken ab, und alle übrigen Stände
wachsen zum Erdrücken desselben. Deutschland ist jetzt schon außer Stand,
alle in seinen wissenschaftlichen Lehranstalten Erzogenen gebührend zu
versorgen. — Der Aspiranten nach Beamtenstellen werden immer mehr, welche
mit vollem Recht vom Staate verlangen können, daß er, ihrer Schulbildung
entsprechend, auch irgendwie für sie sorge, nachdem sie vorschriftsmäßig
nach seinen Programmen sich haben schulen lassen. Selbst die Mittelklassen
der landwirthschaftlichen und gewerblichen Bevölkerung lassen, wenn irgend
ihre pekuniären Mittel es gestatten, die Söhne eine solche höhere, wissen
schaftliche Bildung genießen. — Es mag dies zumeist aus moralischer,
edler Ueberzeugung geschehen, leider aber auch, — und nur zu häufig —
ans blindem Ehrgeiz und um des Vortheils willen, durch den Erfolg
einer fünf- bis sechsjährigen höheren Schulbildung die Vergünstigung
des einjährigen Militärdienstes zu erlangen.
Die Geistesbildung solcher Schulen aber, nach dieser Richtung hin,
wurzelt nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit; daher lehren
sie nicht das Verständniß für das Neue, das aus dem Leben der Gegen
wart Hervorgehende. Nahezu verbannt aus ihren Lehrplänen ist die elemen
tare Volkswirthschaftslehre. An ihrer Statt prangen den Geist einschnü
rende und ertödtende Syllogismen, mathematische Schemata, diophantische
Lehrsätze und andere. Nicht berücksichtigt man, wie sehr durch solche Be
stimmungen der Nährstand geschwächt wird, nicht ahnt man, daß damit
in zahllosen Fällen geistige Anlagen erstickt und ausgetrieben werden,
welche die Vorsehung Jünglingen eingegeben hatte: S i n n, V e r st ä n d n i ß,
Talent für die bildenden Künste und Liebe zum Schaffen darin
— Eigenschaften, die für den Nachwuchs zahlreicher, großartiger deutscher
Weltindustriezweige, namentlich der Kunstindustrie und mit ihr
verwandter Gewerbe von außerordentlichem Werth sein würden, wären
sie der Jugend erhalten und in ihr nur einigermaßen genährt worden.
Sogar die solchen Zwecken dienenden Kunst in du strie- und Ge
werbeschulen lassen die Jugend völlig im Dunkeln über die außerordent
lich große Mannigfaltigkeit unserer weltberühmten Jndustriefelder, namentlich