Full text : Der gesetzgeberische Ausbau des Deutschen Reiches und seine Wirtschaftlichkeitspolitik

Einleitung.

Um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  stand  die  Frage  im  Vordergrund  des
öffentlichen  Interesses:  was  ist  die  Ursache  für  den  drückenden  Mangel  an  Arbeit  und
Verdienst,  für  die  zeitweise  —  z.  B.  schon  in  den  40er  Jahren  wiederholt  eingetretene
—  Geschäftsstockung  und  die  Verarmung,  namentlich  der  süddeutschen  Bevölkerung?
Cine  der  Ursachen  lag  darin,  daß,  im  Gegensatz  zu  anderen  Staaten,  vor  allem
in  bezug  auf  die  Zoll-,  Transport-  und  Verkehrspolitik,  dann  aber  auch  in  bezug  auf
die  Bankorganisation,  das  Maß-  und  Gewichtswesen,  den  Münzumlauf,  das  Patentrecht ­
  u.  s.  f.  eine  einheitliche  und  kraftvolle  Regelung  durch  die  politische  Zersplitterung
ausgeschlossen  war,  und  die  Mängel  durch  die  verschiedenartige  Handhabung  in  den
einzelnen  Bundesstaaten  in  ihrer  Schwere  noch  potenziert  wurden.  Cs  liegt  im
Wesen  und  der  fortschreitenden  Jnternationalisierung  der  heutigen  Verkehrs-  und
Wirtschaftsverhältnisse  begründet,,  daß  ihre  staatliche  Regelung,  insbesondere  z.  B.
des  Eisenbahn-,  Post-  und  Telegraphemvesens,  des  Patentwesens,  des  Arbeiterschutzes,
itu'x'  im  Großb  etriebe  möglich  ist.  In  den  Kleinstaaten  tonnte  die  Regierung
ungeachtet  des  besten  Willens  nichts  Besseres  leisten  und  ihre  Fürsorge  dem  über  die
Staatsgrenzen  hinausreichenden  Bedürfnis  nur  in  beschränktem  Maße  entsprechen.
Wie  in  Oesterreich,  -hielt  man  auch  in  Süddeutschland  lange  hartnäckig  an
der  Ansicht  fest,  das  Land  sei  nur  für  den  Ackerbau,  nicht  für  das  Gewerbe  geschaffen. ­
  Nun  waren  aber  inzwischen  die  Leinwand-  und  Baumwollspinnereien  und
-Webereien,  die  Glas-  und  Papierfabriken,  die  Werkstätten  für  Edel-  und  Unedelmetall,varen ­
  unter  dem  Druck  der  Konkurrenz  zum  Großbetrieb  iibergegangen.  Ein
Teil  der  zünftigen  Gewerbe  hatte  sich  aus  den  Schranken  der  Zunft  herausgearbeitet.
Wo  solche  noch  bestanden,  waren  sie  nicht  imstande,  die  von  außen  hereindringenden
Gewebe,  Maschinen  und  sonstigen  Erzeugnisse  fernzuhalten.
In  den  fünfziger  Jahren  machte  die  Einstellung  von  Dampf-  und  Arbeitsmaschinen ­
  Fortschritte.  Während  z.  B.  Süddeutschland  1840  erst  einige  wenige
Dampfmaschinen  aufwies,  zählte  man  hier  zwei  Jahrzehnte  später  schon  viele  tausend
Pferdekräfte.  Diese  Fortschritte  bewirkten  eine  allmühlige  Umgestaltung  aller  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  und  machten  eine  Neuregelung  der  auf  der  Zunftorganisation
beruhenden  gesetzlichen  Grundlagen  des  Erwerbslebens  notwendig.
            
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