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I. Buch. Production und Consumtion.
F) Festlichkeiten aller Art, Gastmähler, Gesellschaften, Tanzunter
haltungen, Gasthaus- und Kaffeehausbesuch zur Pflege der Geselligkeit u. s. w.
Der Vergnügungen dieser Art sind so viele und so mannigfaltige, daß auf
die einzelnen hier nicht eingegangen werden kann.
Wir begnügen uns deshalb mit den folgenden Bemerkungen. Das Tanzen
kann in den Kreisen einer wohlgesitteten Landbevölkerung und unter den sittlich
ernsten Elementen der Hähern Gesellschaftsschichten ein harmloses Vergnügen
sein, während es unter andern Verhältnissen Anlaß zum Bösen gibt oder
eine directe Bethätigung ärgster Zuchtlosigkeit ist 1 . Gegen den übermäßigen
Aufwand bei Gastmählern, Hochzeiten und andern Festlichkeiten dieser Art
hat vielfach und zu verschiedenen Zeiten Einwand erhoben werden müffen,
namentlich ist in den Zeiten gegen das Ende des Mittelalters, wie schon
erwähnt wurde, gesetzlich dagegen eingeschritten worden. Wer wollte aber
deshalb dagegen protestiren, daß sich gute Freunde, Gesinnungsgenossen lind
Verwandte unter heitern Gesprächen oder interessantem Austausch mäßigen
Tafelfreuden hingeben?
G) Musikalische Genüsse. Dieselben sind weniger als die meisten
übrigen der Gefahr des Mißbrauchs ausgesetzt und können vielen um ge
ringen Preis zugänglich gemacht werden. Der Bestand von Gesangvereinen,
Musikkapellen u. dgl. unter der Bevölkerung der arbeitenden Klaffen ist unter
Umständen etwas sehr Empfehlenswerthes und social Heilsames.
H) Theatervorstellungen und verwandte Vorstellungen
aller Art im Circus u. dgl. Anstalten. Dieselben wirken heutzutage meist
schädlich. Was insbesondere das Drama, überhaupt das Theater im weitesten
Umfang des Wortes angeht, so hat dasselbe im Laufe seiner Entwicklung
die verschiedensten Phasen durchgemacht. Das Drama hat nicht minder
den höchsten Gedankenflug als die tiefste Erniedrigung zur Darstellung ge
bracht. Welch ein Unterschied besteht zwischen Tragödien eines Sophokles
lind dem faulenden Sumpfe des spätern griechischen und römischen Theaters,
zwischen den Dramen Schillers und den Sittenbildern, die uns ein Ibse"
oder ein Sudermann vorführen! Auch darf die Rolle nicht außer acht gelassen
werden, welche im Mittelalter und auch noch in spätern Zeiten die religiösen
Schauspiele, die Mysterien u. s. w. gespielt haben. Die zeitgemäße Wieder
belebung solcher Spiele und die Aufführung patriotischer Stücke, wie sie jetzt
hie und da wieder vorkommt, sind freudig zu begrüßen.
Selbstverständlich ist es Pflicht einer jeden Regierung, die einen Begriff
von ihrer Aufgabe hat, öffentliche Schaustellungen bedenklicher Natur und das
' Alan denke an das Unwesen, welches die Tänzerinnen in gewissen Ländern,
namentlich in mohammedanischen, treiben.