Die Werttheorie (Fortsetzung)
2. DIE HOEHE DES GRENZNUTZENS UND DIE GUETERMENGE
Bei der Untersuchung der Frage über die Größe des Wertes
fanden wir, daß sie nach Böhm-Bawerk von der Höhe des Grenz-
nutzens bestimmt wird. Jetzt können wir auch die weitere Frage
bezüglich der Faktoren, die diese Höhe bestimmen, stellen.
„Hier — sagt Böhm-Bawerk — haben wir zu nennen das
Verhältnis von Bedarf und Deckung.“ Bei der Analyse
dieses Verhältnisses findet Böhm-Bawerk folgendes einfache „Ge-
setz‘, das die Beziehung zwischen „Verbrauch“ und „Gütern“
ausdrücken soll: „Je mehr und je wichtigere Bedürfnisse ihre
Befriedigung erheischen, und eine je geringere Menge von Gütern
andererseits dazu verfügbar ist,... desto höher (muß) also der
Grenznutzen bleiben*.‘“ Also: Die Höhe des Grenznutzens wird
von zwei Faktoren bestimmt: von einem subjektiven (Bedürf-
nisse) und einem objektiven (‚„Güter‘“menge). Wodurch aber
wird diese Menge selbst bestimmt? Auf diese Frage gibt die
Theorie der österreichischen Schule keine Antwort”. Sie setzt
eine gewisse Menge Produkte schlechthin als vorhanden, d. h.
setzt eine für alle Zeiten gegebene Größe von „Seltenheit‘“ voraus.
Ein derartiger Standpunkt ist jedoch theoretisch sehr schwach,
denn die „Wirtschaft‘, deren Phänomene die politische Oeko-
nomie analysiert, schließt die Wirtschaftstätigkeit und
vor allem die Produktion der Wirtschaftsgüter in sich. Der
Begriff des „Vorrats‘ an Gütern setzt, wie A. Schor durchaus zu-
treffend bemerkt, schon einen vorangehenden Produktionsprozeß
den Wirtschaftsgütern haben, keinen quantitativen Vergleich zulasse, ist be-
reits von Kant widerlegt worden...“ (M. J. Tugan-Baranowsky: „Grundzüge
der politischen Oekonomie“, 2. Aufl., S. Petersb. [russ.] 1911, S. 56). Wir
halten diesen Einwand aber keinesfalls für einen „Haupteinwand“, im Gegen-
teil, er kann gerade zu den am wenigsten zutreffenden gezählt werden. Be-
merkenswert ist es jedoch, daß Tugan-Baranowsky die andern Einwände
mit völligem Stillschweigen übergeht, z. B. die Stolzmann macht, dessen beide
Werke ihm bekannt sein dürften.
19 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 40.
0°) „Um die Untersuchung des Wertproblems bis zu Ende zu führen, ist es
notwendig, sich klar zu machen... wie es kommt, daß die einen Gebrauchs-
gegenstände wenig, die andern viel produziert werden...‘ Doch würde der
Leser vergeblich bei den Theoretikern des Grenznutzens eine klare Antwort
auf diese Frage suchen (Tugan-Baranowsky, I. c., S. 46).
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