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I. Buch. Production und Consumtion.
Immerhin muß festgehalten werden, daß sich ein solcher Wechsel im wirtschaftlichen
Charakter einer Nation nur langsam vollzieht, daß der Verfall und
die Ausbildung anerzogener und jahrhundertelang bethätigter Fähigkeiten nicht
mit einemmal zu Tage tritt. Die socialen und die ökonomischen Verhältnisse
sind gleich den religiös-sittlichen weit inniger mit dein Leben der Völker
nnd Nationen verwachsen als die politischen. Man blicke z. B. ans Frankreich.
Wie viele politische Umwälzungen hat dieses Land seit einem Jahrhundert
durchgemacht! Noch immer aber ist seine Bevölkerung in ihrer Mehrheit
katholisch, noch immer ragt sie durch bedeutende Leistungen auf dem Gebiete
der Industrie, durch guten Geschmack, durch solide Handelsgewohnheiten
n. s. w. hervor. Wie in den Tagen Ludwigs XIV. kommen die Moden
noch immer größtentheils aus Paris. Ja in gewissen Theilen des Landes,
namentlich im Süden, streitet die bäuerliche Sitte noch immer gegen die unheilvolle
Gleichtheilung unter den Erben, wie sie die große Revolution zum
Gesetze erhoben hat.
Und hat nicht auch das deutsche Volk ungeachtet aller, wenn auch nicht
so radical wie in Frankreich, so immerhin sehr tief greifenden Umgestaltungen
der politischen Ordnung großentheils an seinen altererbten Gewohnheiten festgehalten^
Existiren nicht in Deutschland noch immer bebeutcnbe Reste uralter
Nationaltrachten? Hat sich der altgermanische Zug des Sippen-und Gildenwesens
nicht in zahllosen, nicht nur geselligen, sondern auch wirtschaftlichen Vereinigungen,
die so vieles Gute gewirkt, lebendig erhalten?
Wie die Vorzüge, sind aber auch die Mängel des nationalen Charakters
nicht leicht umzugestalten. Atan vergegenwärtige sich, wie Spanien schon seit
dem Ende des 16. Jahrhunderts wirtschaftlich daniederliegt, und wie diese in
mancher Hinsicht so hoch begabte Nation dnrch Mangel an wirtschaftlichem Sinn,
durch weit verbreitete industrielle Indolenz und theilweise auch dnrch veraltete
Routine im Ackerbau noch immer zurückgeblieben und arm ist. Der alte
kriegerische Sinn und die vornehmen Passionen, die Cervantes im Don Quixote
so trefflich ironisirt hat, bethätigen sich zwar mangels der nöthigen Mittel
nicht mehr in ruhmvollen Kriegen, aber in schädlichen Pronunciamientos und
in dem überflüssigen Zudrang zur Beamtenlaufbahn. So lassen sich aus dem
Leben aller Völker und Staaten zahlreiche Beispiele dafür beibringen, mit
welcher Langsamkeit sich die Umgestaltung der nationalen Anlagen namentlich
arif wirtschaftlichem Gebiete vollzieht.
Innerhalb der Nationen werden wir gewahr, wie, abgesehen von der
Verschiedenheit der Begabung nach Alter, Geschlecht und individuellen Eigenschaften,
ganze Klassen der Bevölkerung und die Einwohner gewisser Gegenden
dnrch dauernden Mangel an geeigneter Nahrung, gesunder Behausung und
genügender Ruhe und Erholung unter dem allgemeinen Niveau stehen. In-