Full text: Warum reisen Arbeiterdelegationen nach Sowjetrußland?

Die formalen Freiheiten 
Seit 8 Jahren schlägt die bürgerliche und sozialdemokratische 
Presse Lärm über die Beseitigung der Presse- und Versammlungs- 
freiheit (für die Bourgeoisie) in der USSR. Presse- und Versamm- 
lungsfreiheit, persönliche Rechte usw. sind Begriffe und Parolen, die 
auf dem Papier, in den Verfassungen sehr schön aussehen! Die Dele- 
gationen verglichen natürlich unsere Rechtsverhältnisse mit der bürger- 
lichen Demokratie. Die Arbeiter wissen, was die Pressefreiheit in 
Deutschland, England, Frankreich und Amerika bedeutet. Die Zeitungs- 
trusts überschwemmen mit ihren Millionenauflagen das ganze Land, 
dringen in die entferntesten Winkel, trüben das Klassenbewußtsein 
der Arbeiter, infizieren sie, indem sie die Vorzüge des bürgerlichen 
Systems preisen und die „schädlichen, dekonstruktiven‘“ bolsche- 
wistischen Ideen an den Pranger nageln. Der Arbeiter weiß, welche 
Rolle die bürgerlichen Zeitungen während der Streiks und proletarischen 
Aktionen spielen. Kommen nun ihre Vertreter nach der USSR. und 
sehen, daß hier keine bürgerliche Zeitung existiert, daß der Bourgeoisie 
alle Druckereien genommen sind, daß die Zeitungen ausschließlich 
das Interesse der Arbeiterklasse vertreten, dann bedauern sie, daß in 
ihrer Heimat die „Pressefreiheit‘” besteht. Sie ziehen unsere „Un- 
freiheit‘ ihrer „Freiheit‘“ vor. 
Dasselbe gilt von der Versammlungsfreiheit. In Amerika existiert 
sie offiziell aber nicht für alle. Auch bei uns besteht sie nicht für 
alle. Wir machen daraus keinen Hehl, wir treten an die Dinge aus- 
schließlich vom Klassenstandpunkt heran, kennen keine abstrakten 
Wahrheiten, keine abstrakten Losungen! Alles ist bei uns vom Klassen- 
geist erfüllt. Wir haben die Versammlungs- und Pressefreiheit für die 
Werktätigen, die Freiheit des Wortes für die Arbeiter und Bauern. 
Mögen bürgerliche Federfuchser Krokodilstränen über die persönlichen 
Rechte vergießen, die Arbeiter werden sich dadurch nicht irreführen 
lassen, sind sie doch genau darüber unterrichtet, daß in den demo- 
kratischen Ländern ihre Klassenbrüder zu Tausenden hinter Gefängnis- 
mauern schmachten, daß der ganze Apparat des bürgerlichen Staates 
(Polizei, Justiz usw.) nur das eine Ziel kennt: die persönlichen Rechte 
der Bourgeoisie zu schützen und sie dem Proletarier zu rauben. 
In welchem Lande dürfen die Arbeiter in den Betriebs- oder 
Fabrikräumen Versammlungen abhalten? In der USSR. Wo fürchtet 
sich die Bourgeoisie gegen die Arbeiter ein Wort zu sagen? In 
Deutschland, Frankreich, England oder in den Vereinigten Staaten? 
Keineswegs. In der USSR. Die Delegationen, die in unserem Lande 
auf diese einfachen Tatsachen stoßen, reagieren darauf aber nicht so 
wie es die Gegner der Revolution wünschen. Die Verhältnisse in 
Sowjetrußland, die man ihnen vor ihrer Reise in den düstersten Farben 
schilderte, erscheinen ihnen bei näherer Betrachtung gar nicht so 
fürchterlich. Die deutsche Arbeiterdelegation beantwortete z. B. das 
im Organ der deutschen Sozialdemokratie, dem „Vorwärts‘, von den 
Menschewisten veröffentlichte Schreiben einer „Gruppe von Arbeitern 
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