Ursprung, Verlauf und Ausgang des Rulturkampfs. 701
subjektivistische Auffassung der Dinge bis in den Schluß der
ersten Periode, ja den Anfang einer zweiten Periode unserer
subjektivistischen Kultur hineinragte. Freilich, ohne diese Zeit
noch kräftig zu überleben. Und darum eben mit dem Ausgang,
daß der Verlauf des Kampfes selbst die Tragfähigkeit der noch
bestehenden Kampfesbühne in Zweifel stellte und somit das stille
Auftauchen der Notwendigkeit einer anderen, nämlich eben der
subjektivistischen Basis für die Ordnung des Verhältnisses von
Staat und Kirche ergab.
Ist dies die historische Stellung des Kulturkampfes zu
den tiefsten Kulturvorgängen gewesen, so ist damit diese
Stellung auch zugleich in ihrem engeren Sinne, in ihrem Ver⸗
hältnis zum Verlaufe der ersten Periode unserer subjektivistischen
Kultur bestimmt. Es ist klar: für diesen Verlauf bedeutet der
Kulturkampf eine letzte noch eben mögliche Erscheinung, ein
definitives Ende: an dieser Stelle, auf kirchlichem Boden,
hielten sich noch am längsten Sedimente früherer Kulturzeitalter,
Reste eines teilweise sogar mehr mittelalterlichen Seelenlebens,
wenn auch selbst hier nur noch dadurch, daß sie sich mit einigen
Ausgestaltungen des modernen Demokratismus innig verquickten.
Lag aber die Tatsache, daß gerade an dieser Stelle das Alte
und Uralte am zähesten haftete, so außer aller Erwartung?
Während religiöse Bewegungen, wenn sie neu und stark sind,
zu den revolutionärsten Erscheinungen zu gehören pflegen, die
die Geschichte kennt, haben sich die Kirchen von jeher als be—
sonders konservative Mächte erwiesen.
Uberblicken wir nun von diesem Punkte, der kirchlichen
Schlußerscheinung der ersten Periode des Subjektivismus,
in der christliche Konfessionen ihrer äußeren Daseinsform nach
noch als öffentliche, mit dem Staat rivalisierende Lebens⸗
bildungen erscheinen, den sonstigen Verlauf der politischen Be—
wegung in dieser Periode — womit wir denn in eine Schluß—⸗
betrachtung dieser Zeit überhaupt eintreten —, so werden wir
zwischen dem Verlaufe der Verfassungsentwicklung und der
Einheitsbewegung zu unterscheiden haben, so vielfach auch diese
beiden großen Bewegungen miteinander verauickt sind.