94 II, 1. Das arbeitslose Einkommen
knapp, weil die Arbeit knapp ist, und zur Anfertigung der konkreten
Kapitalgüter, der Maschinen, Schiffe, Hochofenanlagen, Häuser usw.
Arbeit gebraucht wird, sondern es ist knapp, weil zur Vermehrung
des Kapitals einer Gesellschaft von der wirtschaftenden Menschheit,
und zwar ganz ohne Rücksicht auf die Rechtsordnung, in der sie
lebt, außer der Arbeit, welche die Anfertigung der Rapitalgüter er
fordert, noch ein zweites wirtschaftliches Opfer zu bringen ist, nämlich
eine Einschränkung des laufenden Konsums, ein Genußaufschub, ein
Sparen, oder wie man es bezeichnen will. Dieses Opfer kann aber
in jeder Wirtschaftsperiode stets nur in beschränktem Maße gebracht
werden. Venn bei der Einschränkung des laufenden Konsums lassen
sich gewisse Grenzen nicht überschreiten. Die Ausdehnung des Kon
sums und nicht seine Einschränkung ist doch das eigentliche Ziel der
menschlichen Wirtschaft. Durch die jährliche Vermehrung des Kapi
tals ist daher bisher die Kapitalknappheit noch nie beseitigt worden.
Denn während das Angebot von Kapital zunahm, hat gleichzeitig
auch immer wieder der Kapitalbedarf infolge des Wachstums der 6e-
völkerung eine entsprechende Zunahme erfahren, und das Verhältnis
zwischen Bedarf und Deckung im ganzen ist infolgedessen ziemlich
unverändert geblieben.
Die Notwendigkeit des Kapitalzinses an sich wurzelt also in zwei
Tatsachen:
1. Sn einer natürlichen Tatsache, die ganz unabhängig ist
von der jeweils geltenden Rechtsordnung des Wirtschaftslebens, näm
lich in der andauernden, auf selbständigen Ursachen beruhenden
Knappheit des Kapitals.
2. Sn einer sozialen Tatsache, in einer Einrichtung derRechts-
ordnung. Sn gewissem Sinne hat also der Sozialismus recht, wenn
er den Zins als eine Folgeerscheinung der heutigen Rechtsordnung
hinstellt. Aber zugleich springt der gewaltige Unterschied der ge
wöhnlichen sozialistischen Auffassung des Zinses von der hier vor
getragenen in die Augen. Rach sozialistischer Auffassung ist der Zins
nichts weiter als ein Abzug vom vollen Arbeitserträge, den der