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einer unabänderlichen Form festhalten wollen, hieße das Fortschreiten
des Menschengeschlechts leugnen: Gerade in die heutige Gesellschafts
ordnung haben sich Faetoren eingeschlichen, deren Berechtigung von
gewissen Parteien anerkannt und deren Gefährlichkeit von ihnen ge
leugnet wird, nicht so sehr aus Ueberzeugung, sondern weil diese
Faetoren der Nutzen ihres eigenen politischen Einflusses sind, alls
dessen Erhaltung es mithin weit mehr ankommt, als auf die Er
haltung der Gesellschaft in ihrer heutigen Form. Die Regierung
und ihre Freunde andererseits erstreben nut ernster Thatkraft auch
die Sicherung und Befestigung der gesellschaftlichen Ordnung, wie
sich das von selbst versteht, aber da sie zu der aufrichtigen Er-
kenlltiliß gekommen sind, daß nicht alle Elemente imb Faetoren in
dieser Ordnung so fungiren, wie sie dem Gesammtwohl elltsprechend
fungiren sollten, so sind sie darauf bedacht, wie wir sehen werden,
die Schäden auszumerzen und solche Einrichtungen zu treffen, welche
der Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung wirklich dienlich sind.
Vor allen Dingen darf man die Interessen des Großcapitals nicht
in einer Weise vertreten, welche über die Grenzen des Berechtigten
weit hinausgeht. Wollte man in diesem Punkte ein Element zur
Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung crWiden, so müßte man
blüld seill für die deutlichsten Erscheinungen der Vergangenheit llnd
Gegenwart, nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern.
Die Freiheit des Individuums wäre ja baun in Wahrheit nichts
anderes, als das Recht des Stärkeren. — Noch bedeilklicher erscheint
der Punkt 4 des erwähnten Programms, weilil er auf seinen wahren
Gehalt geprüft wird. §icr ist die Kriegserklärung gegen die Wirth
schaftspolitik, gegen die schützenden Zölle, welchen die deutsche In
dustrie eine allenthalben anerkannte unb im Auslande mit unver
hohlenem Neide betrachtete Blüthe verdankt, verborgen. Auffallend
ist es, daß man nicht mit klaren Worten „Bekämpfung der schützen
den Zolle" sagt, man drückt sich vorsichtiger aus und das ist ein
deutlicher Beweis, daß man die Folgen einer offenen Sprache fürchtet;
man weiß, daß die Schutzzölle längst die große Mehrheit des Volkes