Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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findet sich das Tableau nebst den Maximen im ersten Bändchen. 
Es gehen jedoch, was sehr bezeichnend ist, die naturrechtlichen 
Erörterungen Quesnays voran. Nebenbei sei bemerkt, dass der 
Stifter der Secte seinen Namen nicht genannt wissen wollte, 
und dass man ihn daher in solchen Büchern, wie die erwähnte 
Sammlung, nur als den Autor bezeichnet findet, was bei aller 
Verschiedenheit doch einigermaassen an die Redeweise der 
Pythagoreer — Er selbst hat es gesagt — erinnern kann. 
Ludwig XV nannte Quesnay seinen Denker. Die Mög 
lichkeit einer gewissen Vertrautheit der beiden Personen müsste 
in der That überraschen, wenn nicht die Naivetät und Philan 
thropie des ökonomisirenden Arztes Alles hinreichend erklärte. 
Es giebt Naturen, die in den corrumpirtesten Beziehungen ihre 
bessere Eigenart bewahren, und es ist noch nicht einmal die 
Gemüthsart eines Quesnay noth wendig, um dieses Ergebniss 
zu liefern. Auch männlichere Gestalten, wie Vauban, hatten 
sich in ihren Verhältnissen zum Hofe eine ehrliche Stellung 
zu bewahren gewusst. Man hat es oft wiederholt, dass Quesnay 
im Schlosse zu Versailles seine ökonomischen Anschläge und 
Rechnungen betrieben habe, während sich in den Zimmern 
über seiner Wohnung jene Affairen abspielten, die im wunder 
lichsten Gegensatz zu den harmlosen Beschäftigungen des Autors 
des ökonomischen Tableau standen. Hieran ist aber, sobald 
man den Charakter der Person in Betracht zieht, nichts mehr 
überraschend. Wer allen Dingen eine Gesinnung entgegen 
trägt, die das Schlechte nur in irrthümlichen Abweichungen 
von der Natur sieht und übrigens glaubt, die ganze Welt durch 
ein einziges Mittel in Ordnung bringen, mit ihren verschie- 
densten Elementen aussöhnen und in der Hauptsache befrie 
digen zu können, wird auch mit den verschiedensten Naturen 
so zu sagen gut Freund sein wollen und in einem gewissen 
Sinn es auch zu sein vermögen. Freilich beruht diese Art von 
Freundschaft vornehmlich auf der Verkennung der wirklichen 
Differenzen, welche in der menschlichen Natur unvermeidlich 
zum Ausdruck kommen müssen. Der Philanthrop, der mit 
seinem weiten Herzen die ganze Menschheit umfassen will, 
wird in bestimmten Richtungen seine Person zurücktreten und 
die gewöhnlichen Regeln des Verkehrs häufig zur Seite lassen. 
Auf diese Weise wird er über manches Ressentiment hinweg 
kommen, welches bei weniger bonhommistischen Naturen sofort
	        
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