480
und so zu sagen leibhaft anzutreffen, so dass der Widersinn
nicht eine unmögliche Combination des Gedankens bleibt, son
dern eine thatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Ab
surden ist der erste Glaubensartikel der Hegelschen höheren
Einheit von Logik und Unlogik, und so besteht denn auch bei
Proudhon sogar die Harmonie des ökonomischen Systems in
dem widersprechenden Charakter der einzelnen volkswirth-
schaftlichen Begriffe oder Sätze. Jo widersprechender, desto
wahrer oder, mit andern Worten, jo absurder, desto glaublicher,
— diese nicht einmal neu erfundene, sondern der Offenbarungs-
theologie und der Mystik entlohnte Maxime ist der nackte Aus
druck des sogenannten dialektischen Princips, dem auch Prou
dhon in seiner eitlen Illusion anhoimfiel. Da er jedoch zu dem
selben auf autoritäre Weise gelangte und es zum Theil in
gutem Glauben handhabte, so dürfen wir nicht überrascht sein,
trotz alledem noch eine gewisse Redlichkeit der Auseinander
setzung anzutreffen.
Die Ereignisse von 1848 voranlassten ihn, der übrigens zu
jedem positiven und gesetzten Gedanken unfähig war, sich den
noch mit einem Yorschlag an der sogenannten Lösung der
socialen Frage zu bothoiligen. Eine wunderliche „Organisation
des Credits” in einer Volksbank, die den Zins effectiv auszu-
morzen hätte, sollte die Panacee abgeben. Ein kleiner Versuch
scheiterte natürlich. Die einschlagenden Ideen, welche von
Proudhon auch noch später cultivirt wmrden, liefen in den un
klaren Gedanken eines zinslosen „Mutualismus”, d, h. einer
Gegenseitigkeit in der sachlichen Capitalgewährung aus, durch
welche eine Art Unentgeltlichkeit der Capitalbenutzung herge
stellt werden sollte. Berücksichtigt man alle späteren Ideen
Proudhons über diesen Gegenstand, so ist es schwer zu sagen,
ob seiner Imagination die blosse Unerheblichkeit und Gering
fügigkeit oder aber der gänzliche Wegfall des Zinses vorge
schwebt habe. Sein „Mutualismus” ist jedoch auch dann, wenn
man ihn als allgemeinen Gedanken der Gegenseitigkeit aufzu
fassen und ihm eine rationelle Seite abzugewinnen sucht, etwas
logisch Verfehltes. Verfügen nämlich beide austauschenden
Theile über Wirthschaftsmittel von gleichem Werth, und kommt
es nur darauf an, nicht quantitativ sondern qualitativ den Unter
schied auszugleichen und Jedem das ihm Entsprechende zu
verschaffen, so thut es auch nichts zur Sache, wenn beide Zins