Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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und so zu sagen leibhaft anzutreffen, so dass der Widersinn 
nicht eine unmögliche Combination des Gedankens bleibt, son 
dern eine thatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Ab 
surden ist der erste Glaubensartikel der Hegelschen höheren 
Einheit von Logik und Unlogik, und so besteht denn auch bei 
Proudhon sogar die Harmonie des ökonomischen Systems in 
dem widersprechenden Charakter der einzelnen volkswirth- 
schaftlichen Begriffe oder Sätze. Jo widersprechender, desto 
wahrer oder, mit andern Worten, jo absurder, desto glaublicher, 
— diese nicht einmal neu erfundene, sondern der Offenbarungs- 
theologie und der Mystik entlohnte Maxime ist der nackte Aus 
druck des sogenannten dialektischen Princips, dem auch Prou 
dhon in seiner eitlen Illusion anhoimfiel. Da er jedoch zu dem 
selben auf autoritäre Weise gelangte und es zum Theil in 
gutem Glauben handhabte, so dürfen wir nicht überrascht sein, 
trotz alledem noch eine gewisse Redlichkeit der Auseinander 
setzung anzutreffen. 
Die Ereignisse von 1848 voranlassten ihn, der übrigens zu 
jedem positiven und gesetzten Gedanken unfähig war, sich den 
noch mit einem Yorschlag an der sogenannten Lösung der 
socialen Frage zu bothoiligen. Eine wunderliche „Organisation 
des Credits” in einer Volksbank, die den Zins effectiv auszu- 
morzen hätte, sollte die Panacee abgeben. Ein kleiner Versuch 
scheiterte natürlich. Die einschlagenden Ideen, welche von 
Proudhon auch noch später cultivirt wmrden, liefen in den un 
klaren Gedanken eines zinslosen „Mutualismus”, d, h. einer 
Gegenseitigkeit in der sachlichen Capitalgewährung aus, durch 
welche eine Art Unentgeltlichkeit der Capitalbenutzung herge 
stellt werden sollte. Berücksichtigt man alle späteren Ideen 
Proudhons über diesen Gegenstand, so ist es schwer zu sagen, 
ob seiner Imagination die blosse Unerheblichkeit und Gering 
fügigkeit oder aber der gänzliche Wegfall des Zinses vorge 
schwebt habe. Sein „Mutualismus” ist jedoch auch dann, wenn 
man ihn als allgemeinen Gedanken der Gegenseitigkeit aufzu 
fassen und ihm eine rationelle Seite abzugewinnen sucht, etwas 
logisch Verfehltes. Verfügen nämlich beide austauschenden 
Theile über Wirthschaftsmittel von gleichem Werth, und kommt 
es nur darauf an, nicht quantitativ sondern qualitativ den Unter 
schied auszugleichen und Jedem das ihm Entsprechende zu 
verschaffen, so thut es auch nichts zur Sache, wenn beide Zins
	        
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