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Von dem Belieben des versicherungstechnischen Departements abhängig zu machen.
Erst das Eingreifen des Kurienparlamentes konnte dies verhindern und festsetzen,
daß unter bestimmten Voraussetzungen die Zulassung der Vereinskrankenkasseu zur
Durchführung der Krankenversicherung erfolgen müsse.
Seine größten Erfolge feierte der Grundsatz: „Der Wunsch der Unter
nehmer ist das höchste Gesetz" auf dem Gebiete der Unfallversicherung.
Landwirtschaft und Handwerk wurden von der Versicherung ausgenommen. Was
nicht einmal der Uebermut der preußischen Junker gewagt hatte, ist von der
österreichischen Regierung ohne jedes Bedenken verwirklicht worden. Bis heute
unterliegt die Landwirtschaft nicht der Unfallversicherung. Auch künftighin soll
dies nach den Intentionen der Regierung so bleiben.
Die Abneigung unserer Versicherungstechniker gegen die Unfallversicherung
hat sich aber noch schroffer dokumentiert. Sehr bald nach Beginn der Unfallver
sicherung hat sich der Beitragstarif als zu niedrig erwiesen. Zahlreiche Prämien-
hinterzichungen und ein Uebermaß von Betriebsunfällen haben ein immer
wachsendes Defizit, insbesondere bei den größeren Unfallversicherungsanstalten
bewirkt. Hier hätte die Regierung leicht Abhilfe bringen können. Da die Unter
nehmer jedoch jede Mehrbelastung und jede sonstige Reform ablehnten, begnügte
sich unsere Regierung damit, in zahlreichen Abhandlungen die Vorzüge des
Kapitaldeckungsvcrfahrens sowie die Gefahren des Umlagevcrfahrens nachzuweisen,
anstatt das Gesetz in Anwendung zu bringen und einen entsprechend erhöhten
Beitragstarif vorzuschreiben. Dank diesem Verhalten der Regierung ist das eine
Ziel erreicht: Die Industriellen sind mit der gegenwärtigen Situation der Unfall
versicherung zufrieden. Die Dcfizitwirtschaft aber besteht und gefährdet die Arbeiter-
rentner in hohem Maße.
Auch die Krankenkassen haben seit Anbeginn die unfreundliche
Gesinnung der Regierung zu verfpüren gehabt. Die öffentlichen Krankenanstalten
suchen seit Jahren einen immer größeren Teil ihrer Erfordernisse auf die
Krankenkassen abzuwälzen. Die Regierung hat sogar, im vollen Widersprüche
zu den Intentionen des Gesetzgebers, das Krankengeld vom 29. Tage ab den
Arbeitern abnehmen und den Spitälern zuwenden wollen; sie ist dabei nur an
der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes gescheitert. Immer noch hat
jede sozialpolitische Maßnahme der Krankenkassen mit der Gegnerschaft der
Regierung zu rechnen. Die Arbeiter werden mit allen Mitteln von der gesetzlichen
Vertretung in den Krankenkassen, soweit es irgendwie möglich ist, ferngehalten.
Aus parteipolitischen Motiven wird die Schaffung von Verbänden verhindert
oder erschwert. Die Erhöhung der Kassenleistungen wird nur ungern gesehen.
Besonders dornig ist der Weg, den die noch nicht bestehende
Invaliden- und Altersversicherung schon bisher zurückzulegen hatte.
Schon in den Neunzigerjahren wurde verkündet, daß die Frage im versicherungs-
tcchnischen Departement eifrig studiert werde. Das Resultat dieser Studien ist
unbekannt geblieben. Als die Agitation der Arbeiter zu Beginn dieses Jahr
hunderts heftig aufflammte, wurde im Dezember 1901 öffentlich versichert, daß
ein Gesetzentwurf in den Grundzügen fertig sei und den Zentralstellen zur
Begutachtung vorgelegt werden solle. Aber erst nach vollen drei Jahren — tut
Dezember 1904 — kam kein Entwurf, sondern ein „Programm", zum Vorschein.
Es verstrichen wieder volle vier Jahre mit Begutachtungen, Enqueten und Um
arbeitungen, bis im November 1908 endlich ein fertiger Gesetzentwurf über
die Sozialversicherung an das Abgeordnetenhaus gelangte.
Wie sah aber diese Vorlage aus! Alle feindseligen Vorschläge, die der
Arbeiterhaß in Oesterreich wie in Deutschland im Laufe der Jahre gezeugt
hatte, fanden in dieser Vorlage Aufnahme, sie sollten den Arbeitern ihren wohl
erworbenen Anspruch auf die Verwaltung der Vcrsicherungsinstitute möglichst