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wird von den Dirnen zurzeit nur von zwei Straßen gemacht) . . .
Diese Vorschriften, namentlich aber die Beschränkung der Dirnen
auf einige Straßen, haben sich vollständig bewährt. Die städtischen
Straßen, die früher von den Dirnen in bedenklichster Weise unsicher
gemacht wurden, sind sozusagen rein geworden. Damen können, ab
gesehen von einzelnen, wohl überall vorkommenden Roheiten, gut
bis 10 Uhr abends allein über die Straße gehen, die Reinhaltung
der Häuser, namentlich in denen Kinder wohnen, von dem Gift
der Prostitution, ist, soweit überhaupt möglich, gelungen, und es ist
der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten ein starker Abbruch
getan." . . .. „Es wird ebensowenig gelingen, die Unzucht abzu
schaffen, wie den Diebstahl, die Trunksucht usw., am wenigsten ge
schieht es auf dem Wege, daß man zwar die der Unzucht verfallenen
Frauenspersonen auf alle erdenkliche Weise verfolgt, gegen die sie
verführenden oder doch zur jedesmaligen Ausübung der Unzucht
veranlassenden Männer nicht vorzugehen wagt, deren Vergehen im
Gegenteil ungerügt läßt oder womöglich gar als „noble Passion"
in Schutz nimmt. Ist es nun unmöglich, der Unzucht vollkommen
zu steuern, dann soll man wenigstens dafür sorgen, daß sie nicht
überwuchert, und dies kann nur durch ihre Lokalisierung geschehen.
Nicht den wirklichen Bordellen soll das Wort geredet werden, d. h.
Wirtschaften, die mit staatlichem Privilegium und unter polizeilicher
Aufsicht Kuppelei treiben und durch ihre bequeme und womöglich
elegante Einrichtung der Unzucht Vorschub leisten. Wohl aber soll
man die Dirnen, die sich nun doch einmal öffentlich bloß gestellt
haben, in gewisse Stadtteile verweisen."
Es darf nicht verschwiegen werden, daß mitunter gerade die
Kasernierung der Prostitution die vollständigste Zerrüttung der
gesellschaftlichen Ordnung in den Prostituiertenquartieren herbei
führte. Die königl. Polizeivcrwaltung der Stadt Kassel hob die
Kasernierung der Prostitution auf, weil diese die brutalsten Aus
schreitungen in den Bordellstraßen provozierte. „Die Prostituierten,"
so schrieb der königl. Polizeidirektor von Kassel an die „Deutsche
Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", „wohnten
bis Ende des vorigen Jahrhunderts in einem engen, abgelegenen
alten Stadtteil, Haus an Haus, auf nur wenige Straßen verteilt.
Die versteckte Lage dieses Stadtteiles, die alte und unvollkommene
Bauart und Beleuchtung seiner Häuser und Straßen, die dadurch
bedingte Unvollkommenheit der Beaufsichtigung begünstigten neben
der Anhäufung so vieler Prostituierten auf kleinem Raum das ge
fährliche Treiben der Zuhälter derart, daß sich nicht nur Lärm- und
Prügelszenen, sondern auch Messerstechereien und schwere Schlä
gereien in bedrohlicher Weise häuften, und kein Passant jenes Stadt
teiles bei Nacht seines Lebens sicher war. Die Polizeibehörde sah
sich daher veranlaßt,^ das Wohnen der Prostituierten in jenem Stadt
teil zu verbieten. Zurzeit wohnen die seßhaften Prostituiertest im
ganzen Stadtbezirk."