Stellung und der Tätigkeit der Gewerkschaften unter dem Sowjet--
system, Infolge ihrer weitgehenden Entlastung von ihrer Haupt-
funktion in anderen Ländern, dem Schutz der Arbeiter gegen Aus-
beutung durch die Reichen, der Verhinderung. der Ausnutzung des
Dienstes der Arbeiter zum Wohle des privaten Profits, können die
Gewerkschaften hier sich der Aufgabe widmen, die Arbeiter zu
Staatsbürgern und Herrschern zu erziehen.‘ (Off, Ber, Seite 181.)
Das sind die Aeußerungen der verschiedenen Delegationen, die
dem Leser in Sowjetrußland ganz natürlich erscheinen werden, denn
sie sagen, was tatsächlich ist. Was uns aber als selbstverständlich
erscheint, ist für diejenigen, denen man die Sowjetgewerkschaften
bisher in den düstersten Farben geschildert hat, eine Offenbarung.
Wie gesagt, vor kurzem noch, 1917 bis 1921, leugneten die Führer
der kompromißlerischen Organisationen das Bestehen von Gewerk-
schaften in der Sowjetunion, erkannten sie später unter Vorbehalt an,
beschimpften sie aber die ganze Zeit vorbehaltlos, weil sie „ein Be-
standteil der staatlichen Drosselungsapparates‘‘ sind. Daneben be-
richteten die Mitglieder der Zweiten und der Amsterdamer Inter-
nationale auch noch andere ähnliche, für die Sozialdemokraten „un-
geheuerliche” Tatsachen. Die Delegierten hatten also eine ganz wirre
Vorstellung von den Sowjetgewerkschaften. Der. Charakter, der
Umfang, die Struktur, die Befugnisse, die Arbeitsmethoden der Sowjet-
gewerkschaftsbewegung war für sie etwas Neues, Unerwartetes.
Sie fanden in der USSR. eine kolossale, nach dem Industrie-
prinzip aufgebaute, von einem einheitlichen Willen geleitete Organi-
sation, eine fieberhaft an der Hebung des kulturellen Niveaus ihrer
Mitglieder arbeitende, sich an dem Staats- und Wirtschaftsleben be-
teiligende Organisation. Wie war doch das alles so ganz anders, als
es die sozialdemokratischen Zeitungen geschildert hatten! Sie sahen
die Träume der Gewerkschaften der kapitalistischen Länder ver-
wirklicht. Deshalb ist es ganz natürlich, daß die diesbezüglichen Er-
klärungen der Delegationen einen eindeutigen begeisterten Charakter
tragen. In der Sowjetunion bestehen mächtige, eine außerordentliche
Rolle im Staate spielende gewerkschaftliche Organisationen. Das ist
die Schlußfolgerung, zu der alle Delegierten kommen, wobei sie noch
die Errungenschaften der Verbände in Sowjetrußland auf allen Ge--
bieten betonen,
Die Lage des Proletariats in der USSR.
In den bürgerlichen und sozialdemokratischen Zeitungen und Zeit-
schriften bildet die wirtschaftliche Lage der Arbeiter in Sowjetrußland
das ständige Thema, Politiker, Nationalökonomen, Diplomaten, Führer
sozialdemokratischer Parteien und kompromißlerischer Gewerkschaften
erachten es immer wieder für ihre Pflicht, der Arbeiterklasse ihres
Landes nachzuweisen, daß die kommunistische Revolution zur Ver-
elendung führt. Der Bürgerkrieg, der Hunger und das Elend in den
Jahren 1919 und 1920 sind die unerschöpfliche Quelle der konter-
revolutionären Propaganda. Im Zusammenhang mit dem wirtschaft.
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