IV. Das Jch als Massenteilchen
und im Weltenraum vorgeht ~ die Zeitung trägt es dem Ich zu
und gibt ihm, meist unaufdringlich, auch gleich den Tipp dazu, was
es davon zu halten habe. Die Tatsache, die die Zeitung „aus zuverlässiger
Quelle“ meldet, wird in ihrer ersten Form fast nie
„„richtig““ sein, sie wird einer oder mehrerer ,JRichtigstellungen““ bedürfen;
die einmalige Anweisung, was von dieser Tatsache zu halten
sei, wird eine schärfere kritische Nachprüfung nicht immer, man
kann auch hier vielleicht sagen, fast nie vertragen. Es- bedarf meist
einer ganzen Reihe solcher Anweisungen, wovon jede folgende die
vorhergehende zurechtrückt, ehe so etwas wie ein Standpunkt herauskommt.
Diese beklagenswerten Mängel, die dem Denkorgan Zeitung
anhaften, ändern aber nichts daran, daß die weitaus überwiegende
Menge des Denkstoffes, die dem Ich zugeführt wird, nebst der
Anleitung dazu, wie dieser Denkstoff weiter zu verarbeiten sei, heut
aus der Zeitung stammt. Vom Eintritt ins bürgerliche Leben bis
zum Grabe kommt das Ich von der Hand dieser Kinderfrau für
Menschenseelen nicht wieder los, und noch über das tote Ich hat
die Zeitung das letzte Wort.
Der Mensch aber gehört nicht zur zoologischen Gattung der
Wiederkäuer. Deshalb ist es ein unwürdiger Zustand, wenn das
Zoon politikon die Zeitung in sich hineinschlingt, wie das Massenfutter,
das Leute, die sich zum Essen nicht die Zeit nehmen, sich in
einer Garküche einverleiben. Liefert die tägliche Zeitung schon so
ziemlich die einzige Geistesnahrung, die das Durchschnitts-Ich außerberuflich
zu sich nimmt, so sollte das Ich sich zum Kauen und Verdauen
dieser Nahrung wenigstens die unbedingt nötige Zeit lassen.
Soll die Zeitung, schlecht und recht, wie sie nun einmal ist, ihre
Aufgabe als Denkorgan für eine Masse ungefähr gleichgerichteter
Massenteilchen Ich angemessen erfüllen, so gehört dazu, daß das
Ich sich mit seiner Zeitung auseinandersetze. Die Zeitung will nicht,
zwischen Butterbrot und Kaffeetasse, oder auf hastiger Fahrt zur
Arbeitsstätte verschlungen sein, sie will gelesen werden, kritisch gelesen
werden. Eben weil ja die Zeitung Denkorgan einer mehr oder
minder großen Masse geworden ist, deshalb ist der Zustand so unleidlich,
daß das einzelne lesende Ich zur Zeitung von heute noch
ebenso unkritisch steht, wie in den behaglicheren Tagen, da es weder
Eisenbahn noch Telegraph gab.
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