Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Der  Plan  einer  mitteleuropäischen  Zollunion.

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den  ersten  Vertragsabschluß  überließen,  um  hinterher  durch  eigene  Verhandlungen
auf  andern  Gebieten  weitere  Zugeständnisse  zu  erreichen.
Schon  der  Gedanke  einer  Zollunion  zwischen  Deutschland  einerseits  und  Österreich-Ungarn ­
  andererseits  —  wie  sie  s.  Z.  zur  Erreichung  der  Suprematie  in  Deutschland ­
  in  den  fünfziger  Jahren  von  den  österreichischen  Staatsmännern  Fürst  Schwarzenberg ­
  und  Frhr.  v.  Bruck  erstrebt  wurde  —  ist  eine  Chimäre,  denn  er  setzt  voraus,
daß  beide  sich  zollpolitisch  vereinigenden  Staaten  auf  annähernd  derselben  Höhe  der
wirtschaftlichen  Entwickelung  stehen.  Ebenso  wie  er  damals,  abgesehen  von  allem
andern,  wesentlich  an  dieser  Ungleichheit  gescheitert  ist,  muß  er  auch  in  absehbarer
Zukunft  daran  scheitern.  In  den  Kreisen  der  österreichischen  wie  der  ungarischen  Industrie ­
  bekämpft  man  einen  solchen  Gedanken  auch  auf  das  energischste.  Wir  leiden  in
Deutschland  schon  stark  genug  an  der  außerordentlich  ungleichartigen  wirtschaftlichen
Entwickelung  der  einzelnen  Gebiete,  an  den  schroffen,  dadurch  hervorgerufenen  Gegensätzen, ­
  —  wie  viel  schlimmer  würde  dies,  wenn  auch  Österreich-Ungarn  und  nun  gar
Rumänien,  Serbien,  Bulgarien  wirtschaftlich  mit  uns  vereinigt  wären!
Denn  darüber  muß  man  sich  klar  werden:  Ein  einheitliches  Zollgebiet  verlangt
auch  einheitliche  indirekte  Steuern,  verlangt  eine  Verständigung  über  die  Verteilung
des  Aufkommens  aus  den  Zöllen  und  indirekten  Steuern  auf  die  einzelnen  beteiligten
Staaten.  Da  dies  bei  so  verschiedenen  Wirtschaftsstufen  und  Gewohnheiten  der  verschiedenen ­
  Länder  unmöglich  nach  einem  festen  Schema  geschehen  kann,  so  ist  ein  Zollparlament, ­
  ebenso  wie  ein  Zollbundesrat  eine  unbedingte  Notwendigkeit;  denn  ein
Verhältnis,  wie  es  im  Zollverein  bis  1866  bestand,  war  damals  kaum  zu  ertragen,
gehört  aber  bei  den  jetzigen  Verhältnissen  und  bei  den  heterogenen  dabei  in  Betracht
kommenden  Staatsgebilden  einfach  in  das  Gebiet  der  Unmöglichkeiten.
Man  braucht  aber  bloß  einen  Blick  aus  unsere  Nachbarstaaten  Österreich-Ungarn
zu  werfen,  auf  die  ewigen  Zwistigkeiten,  welche  über  diese  Fragen  entstehen;  nichts
hat  das  Verhältnis  der  beiden  Völker  so  getrübt,  wie  das  Gefühl,  auf  der  einen
Seite  übervorteilt  zu  sein,  auf  der  andern  das  Streben,  sich  wirtschaftlich  unabhängig
zu  machen.  Und  nun  denke  man  sich  die  babylonische  Sprachverwirrung,  wenn
Deutsche,  Franzosen,  Österreicher,  Ungarn,  Italiener,  Schweizer,  Belgier,  Rumänen,
Serben,  Bulgaren  rc.  gemeinsam  über  die  Fragen  der  Zölle  und  indirekten  Steuern,
über  die  Verteilung  des  Aufkommens  aus  denselben  unter  die  einzelnen  Staatswesen
verhandeln  und  sich  einigen  sollten.  Jeder  einzelne  Staat  mühte  eben  vollständig
darauf  verzichten,  sein  Zoll-  und  Steuerwesen  selbständig  zu  regeln.
In  diese  Fesseln  kann  sich  kein  Staat  begeben,  ohne  abzudanken.
Anmerkung.  Keine  Zollunion  der  mitteleuropäischen  Staaten,  sondern  lediglich
handelspolitische  Allianzen  ad  hoc  oder  für  längere  Zeit  erstrebt  der  „M  i  t  t  e  l  -
europäische  Wirtschaftsverei  n".  Als  eine  seiner  Hauptaufgaben  sieht  er  ferner
die  Förderung  der  Exportinteressen  an,  und  zwar  durch:  Einrichtung  eines  umfassenden
Informationsdienstes,  Vereinheitlichung  des  Wirtschaftsrechtes  (Wechsel-,  Scheckrecht,  Recht  des
Speditions-,  des  Kommissions-,  des  Frachtgeschäftes),  einheitliche  Regelung  des  Konkursrechtes,
Vereinfachung  der  Formalitäten  bei  Ein-  und  Ausfuhr,  Vereinfachung  des  Grenzwachdienstes,
Errichtung  von  Zollauskunftsstellen  und  Zollschiedsgerichten,  Erleichterung  und  Verbilligung
des  Zahlungsverkehrs  von  Staat  zu  Staat  usw.  Wolf,  Der  Mitteleuropäische  Wirtschaftsverein. ­
  In:  Deutsche  Wirtschaftszeitung.  Herausgegeben  von  Apt  und  Voelcker.  1.  Jahrgang.
Berlin,  R.  v.  Deckers  Verlag,  G.  Schenck,  1908.  Sp.  545  ff.  —  G.  M.
            
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