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uns die große Durchschlagskraft der Marxischen Lehren verständlich
macht: ich meine ihre außerordentlich große Vielseitigkeit und Viel
deutigkeit. Darin sind seine Werke nur der Bibel vergleichbar, daß
in ihnen der geistig verfeinerte Denker ebenso findet, was ihn reizt
und erfreut wie der grobe Destillenbudiker darin auf Sätze stößt, die
seinem intellektuellen Niveau entsprechen. Für alle Höhenlagen der
geistigen Veranlagung hat Marx irgend etwas geschrieben. Und
ebenso wie seine Werke oder Stücke daraus von Neichen wie Armen
im Geiste gelesen werden können, so bieten sie auch für Menschen
der verschiedensten Lebensauffassung Anregung und Beweisstoff. Der
Revolutionär nimmt aus ihnen ebensogut seine Waffen, wie der
überzeugte Evolutionist; der naturwissenschaftlich verbildete Ent
wicklungstheoretiker ebenso wie der Ethiker; der fette Grieche ebenso
wie der magere Nazarener.
So daß wir schließlich es gar nicht so wunderbar finden,
wenn wir eben diese Eigenarten der Marx'scheu Lehre zusammen
halten, daß sie freilich eine Welt zu erobern die Kraft in sich trugen.
Daß sie heute anfangen, an Sieghaftigkeit einzubüßen, habe ich schon
angedeutet. Ich habe auch in meinem „Sozialismus" ausführlich
dargetan, an welchen Stellen das Gebäude des Marxismus brüchig
geworden ist, wo es sich als besonders unzulänglich erwiesen hat.
Hier brauche ich auf diese Seite des Problems nicht näher einzu
gehen, wo ich nur zusammenfassend sagen wollte, worin die über
ragende Bedeutung bestehe, die Karl Marx für die soziale Bewe
gung unserer Tage gehabt hat und wie sie zu erklären sei.
Damit ist aber das Lebenswerk Marxens erst nach seiner
einen Seite hin — der praktischen — gewürdigt. Wir wissen, daß
Marx ein Doppelwesen war: neben dem Sozialisten lebte in ihm
ein sozialer Denker und wenn wir seinen Gesamtleistungen gerecht