Full text : Russlands Bankerott

104

handenen  Eisenbahnen  große  Transporte  an  Kohlen,  Eisen,  Schotter
und  anderen  Massenartikeln.  Daher  mußte  die  Vermehrung  der  Eisenbahnen, ­
  die  am  Ende  äußerst  ungünstig  wirken  wird,  und  schon  wirkt,
in  der  Zwischenzeit  das  Betriebsergebnis  auch  vorteilhaft  beeinflussen.
Hören  die  Neubauten  auf,  so  fallen  auch  diese  Transporte  fort  und  damit
ein  Teil  der  Einnahmen.
In  jedem  Fall  ist  das  Ergebnis  unleugbar,  daß  die  Lage  der
russischen  Staatsfinanzen  durch  die  Vergrößerung  des  Eisenbahnnetzes,
die  meistens  nicht  nach  wirtschaftlichen,  sondern  nach  militärischen  Gesichtspunkten ­
  erfolgte,  in  hohem  Maße  verschlechtert  worden  ist.  Ueber  dieses
Ergebnis  sind  alle  kompetenten  Kritiker  einig.  Wenn  Helfferich  auf  Grund
seiner  Studien  sich  eine  andere  Ansicht  gebildet  und  diese  entsprechend
begründet  hätte,  so  wäre  nichts  dagegen  zu  sagen.  Er  hat  aber  die  umfangreiche ­
  Literatur,  in  welcher  die  Fabeln  von  Witte  widerlegt  sind,
einfach  ignoriert  und  die  Witteschen  Behauptungen  unentwegt  wieder
vorgetragen.  Daß  Helfferich  sich  lediglich  an  Wittesche  Quellen  hält,
muß  um  so  mehr  befremden,  als  er  dessen  System  früher  selbst  äußerst
zutreffend  geschildert  hat.  Sehr  glücklich  macht  der  erwähnte  Artikel
Nordens  im  Berliner  Tageblatt  auf  folgende  1901  gemachte  Ausführungen
Helfferichs  über  Rußland  aufmerksam^)
„Sie  haben  dort  ein  autokratisches  Regiment,  das  die  Opposition
der  Landwirtschaft  gegen  eine  übertriebene  Begünstigung  der  Industrie
einfach  ignorieren  kann  und  ignoriert  hat.  Sie  haben  dort  einen  zielbewußten ­
  und  energischen  Minister,  der  sich  die  Erziehung  einer  leistungsfähigen ­
  Industrie  zur  Lebensaufgabe  gemacht  hat.  Sie  haben  dort
nicht  nur  hohe  Zölle  auf  Jndustrieprodukte,  sondern  auch  umfangreiche
direkte  Staatssubventionen  für  industrielle  Betriebe.  Und  alle  diese
Anstrengungen,  dieses  ganze  Aufgebot  von  Mitteln
hat  nicht  viel  mehr  erreicht,  als  daß  Rußland  nach
kurzem  Aufblühen  der  industriellen  Tätigkeit  in
eine  überaus  schwere  Krisis  verfallen  ist,  die  es  trotz
aller  Staatshilfe  um  viele  Jahre  in  seiner  Entwicklung ­
  zurückwirf  t."
Witte  gegen  Schließlich  sei  bemerkt,  daß  als  Autorität  gegen  Helfferich  —
Helfferich.  auch  noch  der  Finanzminister  Witte  ins  Feld  zu  führen  ist.  —  In  der
Plenarsitzung  des  russischen  Rcichsrats  vom  30.  Dezember  1902  (12.  Januar ­
  1903)  lag  ein  Bericht  Wittes  vor,  in  welchem  er  ausführt,  daß
die  Zuschüsse  der  Krone  für  die  Eisenbahnen  2,6  Millionen  Rubel
betragen  haben,  1901,  nach  vorläufiger  Feststellung  der  Reichskontrolle,
dagegen  32,9  Millionen.  Für  1902  seien  die  Zuschüsse  auf  45,
1903  auf  51  Millionen  Rubel  zu  schätzen,  einschließlich  der
ostchincsischen  Eisenbahn  auf  60  Millionen.  Nach  Fertigstellung  der
neuen  Linien  Ribinsk-Bologoj  und  Orenburg-Taschkent  könne  1905  das
Defizit  die  Höhe  von  84,5  Millionen  Rubel  erreichen.
Hierzu  bemerkt  Paul  Rohrbach?):  Diese  Zahlen  sind  insofern  falsch,

Handelspolitik.  Vorträge.  Verlag  von  Duncker  &  Humblot,  Leipzig.  Vergleiche
hier  die  schwache  Entgegnung  Helfferichs  in  seinem  Bache  (S.  49).
2)  Die  Zeit,  4.  Juni  1903,  S.  297.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.