Full text : Russlands Bankerott

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Ein
Gesinnungswechsel ­
  der
Regierung?

Der  Rückzug
der  Presse.

Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  erlassen,  so  wäre  ihm  daraus  nicht  degeringste
  Vorwurf  zu  machen  gewesen.  Aber  Fürst  Bülow  hat  viel  mehr
getan.  Er  hat  von  gänzlich  haltlosen  Grundlagen  gesprochen,  auf  denen  das
Martinsche  Buch  beruhe.  Er  hat  damit  über  den  Inhalt  jener  Schrift  ein
Urteil  gefällt  und  mußte  sich  ganz  klar  darüber  sein,  daß  diese  offiziöse
Erklärung  genau  so,  wie  seine  früheren  Reden  im  Reichstag,  bei  den  Besitzern
russischer  Finanzen  den  Eindruck  erwecken  mußte,  man  sehe  an  den  leitenden
Stellen  der  deutschen  Reichspolitik  die  Lage  der  russischen  Finanzen  für
durchaus  sicher  an.  Dieser  Vorwurf  ist  vom  Fürsten  Bülow  nicht  wegzuwaschen.
  Sonderbarerweise  hat  er  bisher  auch  gar  nicht  das  Bedürfnis
gezeigt,  sich  von  diesem  Vorwurf  zu  reinigen.  Weshalb  nun  —  so  fragt
man  doch  unwillkürlich  —  tritt  jetzt  plötzlich  das  Bestreben  auf,  die  Bevölkerung
darauf  hinzuweisen,  daß  der  deutsche  Reichskanzler  kein  Finanzprophet  ist.
Vielleicht  ist  des  Rätsels  Lösung  darin  zu  suchen,  daß  der  Reichstag  zusammengetreten ­
  ist  und  Fürst  Bülow  fürchtet,  man  könnte  doch  wohl  in  den  Kreisen
der  Abgeordneten  angesichts  der  gewichenen  Russenkurse  das  Bedürfnis
empfinden,  ihn  an  den  Mangel  prophetischer  Gabe  zu  erinnern.  Allein  auch
das  erklärt  die  Reinwaschtätigkeit  der  Offiziösen  nicht  vollständig.  Man  wird
vielmehr  zu  dem  Schluß  gezwungen,  daß  auch  in  unsere  leitenden  politischen
Kreise  allniählich  die  Erkenntnis  sich  Bahn  bricht,  daß  die  finanzielle  Position
Rußlands  recht  prekär  ist,  und  daß  man  nun  allzu  gern  die  Verantwortlichkeit,
das  deutsche  Publikum  noch  zum  Bezug  der  letzten  Russenanleihe  animiert
zu  haben,  vom  Reichskanzler  ablenken  möchte.  Das  tut  man  nun  allerdings
mit  dem  Hinweis  darauf,  daß  seinerzeit  die  russisch-deutsche  Freundschaft
gebot,  für  Rußland  einzutreten,  auf  eine  möglichst  ungeschickte  Weise.  Sind
wir  denn  heute  nicht  mehr  mit  Rußland  politisch  befreundet,  daß  unsere
Offiziösen  jetzt  durch  die  Art  ihrer  Verteidigung  das  Publikum  mißtrauisch
gegen  die  nächste  russische  Anleihe  machen  dürfen?  Oder  soll  etwa  der
offiziöse  Eiertanz  von  vornherein  für  neue  Lobeshymnen  des  Reichskanzlers
auf  die  russischen  Finanzen  Pardon  erbitten?  Bei  der  Beratung  des  Reichskanzler-Etats ­
  werden  wir  ja  sehend)
*  *
*
(9.  Dezember  1905.)
Ich  habe  bereits  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  der  Reichskanzler
sein  Gemüt  zu  saldieren  versucht,  weil  er  noch  vor  kurzer  Zeit  dem  deutschen
Publikum  Russenwerte  empfahl.  Wer  vor  acht  Tagen  noch  geglaubt  hat,  daß
dieser  Versuch  des  Rückzugs  nur  in  meiner  Phantasie  bestand,  hat  sich  in  der
abgelaufenen  Woche  davon  überzeugen  können,  daß  es  sich  tatsächlich  um
einen  wohlausgeklügelten  Plan  handelt,  der  von  der  Verzweiflung  des
Moments  eingegeben  war.  Nicht  nur  dem  Reichskanzler,  nicht  nur  seinen
offiziösen  Pressetrabanten,  nein,  der  ganze  Chorus  derjenigen  Presse,  die

i)  Bekanntlich  wurde  der  Reichskanzler,  bevor  er  sich  über  die  russische  Anleihe  erklären
konnte,  im  Reichstag  plötzlich  unwohl.  Vergleiche  den  Artikel  „Das  Rätsel  von  Algeciras"  in
dieser  Sammlung.
            
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