zweier Jahre keine neuen Ausländsanleihen aufzunehmen. So lange
kann es aber nicht warten, um die notwendigen Summen zusammenzubringen.
Durch Anleihen ini Jnlande das Geld zu beschaffen, wird nicht möglich
sein, und so bleibt denn als letzter Weg der Appell an die Steuerbewilligungen
der Duma.
Diese Körperschaft, die zum Teil aus Bauern und Bauernfreunden zu
sammengesetzt sein wird, ist gewählt, um der Bauernbevölkerung endlich die
langersehnte Erleichterung zu verschaffen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß sie
Steuern beschließen kann, die den Bauer neu belasten. Genau so, wie
Staaten nach der Lehre Montesquieu^ sich nur mit denselben Mitteln er
halten können, mit denen sie ins Leben gerufen wurden, kann ein Parlament,
das zu bestimmten Zwecken gewählt worden ist, nicht plötzlich sich seine
Existenzberechtigung dadurch zertrümmern, daß es diesem Zweck zuwider
handelt. Die russische Duma muß neue Steuern verweigern, soweit sie
agrarischer Natur sind, und Steuern auf Industrie und Handel vermögen,
wenn sie nicht so drückend sein sollen, daß sie Industrie und Handel ruinieren,
im Riesenbudget des russischen Reiches keine Rolle zu spielen.
... k^Das russische Volk kann nur dadurch entlastet werden, daß es dem
Ausland die Zinsen der ungeheuren Schuldenlast kürzt, die ihm eine durch
,! f und durch korrumpierte autokratische Gewaltherrschaft skrupellos aufgehäuft
hat. Der Staatsbankerott ist der einzige Ausweg, der der Duma bleiben
wird, mag sich das Gerechtigkeitsgefühl und das moralische Empfinden der
neugewählten Parlamentsmitglieder auch noch so sehr dagegen sträuben.
Die neue Milliarden-Anleihe ändert daran absolut nichts, sie schiebt den
russischen Staatsbankerott auf, aber aufhalten kann auch sie ihn nicht.
Gerade in diesem Moment scheint es mir Pflicht, von neuem das
deutsche Kapitalisten-Publikum zu warnen. Diese Warnung in gegen
wärtigem Moment ist nicht schädlich. Denn wir haben uns glücklicherweise
an der neuen russischen Anleihe nicht beteiligt. Im Gegenteil, sie kann
außerordentlich nützlich wirken, da das Brillantfeuerwerk, das in Paris,
Wien, London, Amsterdam und Brüssel augenblicklich veranstaltet wird, um
das neue russische Anlehen unterzubringen, den deutschen Kapitalisten die
Möglichkeit gibt, ihren Besitz an russischen Renten nach sjenen Plätzen ab
zustoßen.
Das ist der Grund, aus dem ich mich entschloffen habe, die nachfolgenden
Artikel aus der von mir herausgegebenen kritischen Wochenschrift für Volks
wirtschaft und Finanzwesen „Plutus" zu sammeln. Diese Artikel sind in
den Jahren 1904—08 erschienen und haben, lange bevor an das mit so
großer Sensation aufgenommene Buch des Herrn Regieruugsrat Martin zu
denken war, den Ereigniffen in Rußland die Prognose gestellt, die sich bis
jetzt als richtig erwiesen hat. Sie geben gleichzeitig eine, wie ich hoffe
manchem, interessante Uebersicht über die chronologische Folge jener Ereigniffe